Altpapier vom Donnerstag - News and Shoes
| Veröffentlicht: | 11 Februar 2010 09:04 |
| Verändert : | 11 Februar 2010 10:16 |
Kauf mich!, ruft urbanen Hedonistas, zumindest falls sie bald auch heiraten wollen, nicht nur ein neues Magazin am Kiosk zu.
"Ich stehe in einer aus einem englischen Kino-Highlight entrissenen Maisonette-Wohnung und fasse einem glatzköpfigen Mann in den Schritt. Indem er mit dem Lippenstift 'Spermafotze' an die Wand schreibt, stellt er unter Beweis, dass er ein hirnorganisches Syndrom hat. Alle Paar Schuhe, die ich jemals besessen habe, stehen der Größe nach aufgereiht in der Mitte des Zimmers."
Klar, "erotischer Schwulst" u.v.a.m., diese "Axolotl Roadkill"-Szene, die Thomas Steinfeld in seinem Artikel auf der Helene-Hegemann-Themenseite des SZ-Feuilletons im letzten (online: vorletzten) Absatz zitiert. Aber immerhin verweist sie nochmal wieder auf den Themenkomplex Frauen und Schuhe.
Und der bleibt heiß, wie sich auch den Mediadaten des Klambt-Verlags, Speyer, zur wahrscheinlich sensationellsten Zeitschrift, die dieses Jahr in Deutschland neu herauskommen wird, entnehmen lässt. Mit dem Claim "News and Shoes!" richtet sich die neue Grazia zumindest an die Werbekunden, die sich im "ersten weiblichen Hochglanz-Crossover, das Woche für Woche STYLE, PEOPLE & NEWS verbindet" (Klambt), an die Zielgruppe der "urbanen Hedonistas" (Klambt) richten sollen.
Einen Online-Auftritt hat die Neue am Kiosk auch schon. Auf der Startseite grüßt gleich "Das große Schuh-Special". Inzwischen funktioniert es auch online (während am frühen Morgen noch die Fehlermeldung "Sorry, es scheint, ist diese Seite existiert nicht! Wahrscheinlich werden Sie bei der Suche nach Informationen, die Sie über die Navigationsleiste direkt oberhalb" erschien).
Überhaupt, an Content herrscht kein Mangel. Manch eindrucksvolles Partyfoto (hier z.B. von der "Michalsky StyleNite") könnte gleich schon wieder den einen oder anderen Roman inspirieren. Und die seltsame Fehlemeldung wurde vielleicht bloß via Google aus dem Italienischen übersetzt.
Aus Silvio Berlusconis Mondadori-Verlag stammt schließlich das Original der "in dieser Dimension", nämlich derjenigen einer "zweistelligen Millionen-Euro-Summe", "einzigen Neueinführung dieses Jahres" auf unserem Zeitschriftenmarkt. Das ist aus der Berliner Zeitung zu erfahren, in der Ulrike Simon den "unbekannten Verlag" aus dem tiefen Südwesten der Republik, der sich das zutraut, launig vorstellt.
Von "Zeitschriften für das einfache weibliche Publikum, in denen, wenn überhaupt, die Pharmaindustrie inseriert", hat er sich mit Titeln wie OK! und dem Joint Venture-Einstieg in Gruner+Jahrs Healthy Living sozusagen emporgearbeitet. Bei soviel Frauen-Titeln scherzt Verleger Lars Rose (und Rose lautet einfach der Nachname des Urururenkels von Verlagsgründer Wilhelm Wenzel Klambt) gar zu Simon: "Ich bin wahrscheinlich doch eine Frau".
Aber zurück zu den Schuhen: "Haiti neben High Heels. Funktioniert das?", fragt in seiner Grazia-Besprechung der Tagesspiegel auf einer Metaebene (denn eine ähnliche Frage stellt auch das Heft selbst). Antwort gibt's noch nicht, doch "die Aussichten auf Erfolg sind gut", meint Sonja Pohlmann. Und verknüpft die Grazia mit gleich noch einer Neuerscheinung: Auch die Gala Wedding (bzw. GALA wedding bzw. GALAwedding) bereichert jetzt unsere Kioske.
Gemeint ist natürlich nicht der Wedding, dem z.B. Bushido entstammt (vgl. gala.de), sondern der englische Terminus. "Das Bedürfnis nach Romantik wächst, große Hochzeiten sind wieder in und die künftigen Bräute suchen nach Inspirationen“, sagt die stellvertretende Gala-Chefredakteurin Astrid Saß dem TSP. Mehr Media-Infos bietet ein meedia.de-Interview, in dem Saß u.a. sagt: "Stoff zum Träumen bieten zudem die Starhochzeiten: Natürlich hat nicht jeder das Budget eines Hollywood-Stars für die eigene Hochzeit zur Verfügung, aber sie bieten viel Stoff zum Träumen und zur Inspiration."
Über einen größeren Internetaufritt verfügt die Gala Wedding, die naturgemäß auch bestenfalls nicht in wöchentlicher Frequenz erscheinen wird, noch nicht. Aber ein Schuh-Special wär zu haben.
| © Altpapier/ Christian Bartels |
Altpapierkorb
+++ Über Googles jüngsten "Buzz" wurden eigentlich gestern schon (siehe Altpapier) die meisten denkbaren Meinungen geäußert. Aber was ein Unviersalmedium ist, muss natürlich eine eigene bieten. "So greift das alte Kaufhaus-Prinzip ('Alles unter einem Dach'), doch schwindet mit der Synchronisierung von allem, was einem im Netz lieb und teuer ist, der Überblick über das, was Google mit all den Informationen macht. Für den Notfall bleibt nur die amerikanische Wendung für 'Hau ab!' - 'Buzz off!'“, schreibt Friederike Haupt in der FAZ (S.37). "Verzweifelter Versuch" titelt die FTD qua Leitartikel. "Google braucht dringend einen Erfolg", offenbar, weil 90-Prozent-Monopole im Kerngeschäft in europäischen Ländern in den Aktienkurs längst eingepreist sind, oder so. "Sollte auch dieser Versuch scheitern, Marktanteile bei sozialen Netzwerken zu erobern, kann Google nur noch hoffen, dass Facebook sich zum Kauf anbietet. Siehe auch SZ, KSTA, TAZ. +++ Was zum Ablachen? "Wir haben abgeschrieben! 16 Medienschaffende halten den § 53 (Urheberrecht) für überholt und erklären öffentlich: 'Wir haben gegen ihn verstoßen'" persifliert die TAZ eine Illustrierte des vergangenen Jahrhunderts. Im Boot sind Medienschaffende von Johann Sebastian Bach, Komponist bis zu Arno Frank und Jenni Zylka. +++ Noch was Neues aus der Printbranche: "Ab sofort berichtet lastauto omnibus noch intensiver über Entwicklungen und Zukunftstrends in der Nutzfahrzeugbranche" (G+J). Auch frisch gemacht: der Internetauftritt lastauto.de. +++ Unterdessen will Google in den USA ein eigenes Breitbandnetz aufbauen?(sueddeutsche.de). +++ Gestern war Pressekonferenz der ARD-Intendanten in Saarbrücken. Die FAZ will "die Beschlusslage im Schnelldurchlauf" bringen, aber weil die Intendanten sich "einen kräftigen Seitenhieb" "nicht verkneifen" konnten, kann sich Michael Hanfeld natürlich auch keinen Seitenhieb verkneifen. So ist der Durchlauf des Tagesspiegel doch schneller. +++ "Die Dauerwerbesendungen von ARD und ZDF sind nicht nur beliebt beim Senior in Altötting, nein, auch die Marketingmanager von Gaslieferanten oder die Hersteller von Wintersportbekleidung frohlocken ob der wunderbaren Fernsehbilder...": Hier polemisiert in der TAZ Sportredakteur Markus Völker, bekannt v.a. durch den Boykott der Leichtathletik-WM letztes Jahr (siehe Altpapier) vorab gegen die Winter-Olympia-Berichterstattung. +++ "Er prägte die Fußballberichterstattung in Deutschland wie kaum ein anderer Journalist": Michael Palme ist gestorben (sueddeutsche.de). +++ "84 Fälle, davon 55 in Deutschland": das HB über die Aufarbeitung des bislang größten Skandals der Deutschen Telekom. +++ Der Streit in der New York Times über Israel-Korrespondent Ethan Bronner ist auch Thema der SZ. Frei online berichtete die BLZ. +++ Heute beginnt die Berlinale, an deren Ende auch die lang erwartete Dominik Graf-Serie "Im Angesicht des Verbrechens“ gezeigt wird, bevor sie auf Arte läuft. Die wohl erste Besprechung ("natürlich, ein Glücksfall fürs Publikum...") stammt von Verena Lueken und steht bei faz.net. +++ Fernsehschauspieler Heino Ferch spielt nicht mit, stand aber gerade "für zwei Abende mit Zigarre, Zweireiher und Koffer am Bühnenrand des Augsburger Stadttheaters und sprach Texte von Brecht", weshalb Claudia Tieschky (SZ, S. 21) anreiste und auch noch anmerkt: "Ben Becker kniete beim Singen vor dem Publikum und erinnerte überhaupt inzwischen irgendwie an Roy Black." +++ "Die Hundert-Tage-Bilanz von Johannes B. Kerner und Oliver Pocher bei Sat.1 jedenfalls ist ein Trauerfall", merkt Michael Seewald in der FAZ am Rande an. +++ "Im Schlussakt mündete der Themenabend in das Geplauder zweier älterer Herren, die gefällig auf ihr erfülltes Leben und Wirken als gutbezahlte Journalisten zurückblickten. Michael Jürgs formulierte intelligente Einsichten und erzählte schöne Anekdoten.... Lakonisch stellte er fest, dass sein 35 Jahre alter Sohn keine gedruckte Zeitung liest. Leider kam diese Generation bei Arte nicht zu Wort", schreibt Jürg Altwegg (auch FAZ) rückblickend über den "denkwürdigen Themenabend" bei Arte, auf dessen andere Sendungen er auch vorausgeschaut hatte.
Frisches Altpapier gibt's wieder am Freitag gegen 9.00 Uhr.
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag





