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Altpapier vom Mittwoch - Die Nase meiner Ollen

Veröffentlicht: 17 Februar 2010 09:19
Verändert : 17 Februar 2010 10:24

Neu im Internet: soziales Micropayment, aber auch der Schatten von viel Müll, der noch kommen wird. Außerdem: Happy Birthday, Heinz Meier!

Vor dem Tagesgeschäft noch dies: Eine große Figur des deutschen Fernsehens hat heute großen Geburtstag. Die FAZ als die strukturell bestaufgestellte überregionale Zeitung weist darauf hin, dass Heinz Meier 80 Jahre alt wird. Als Lottogewinner Erwin Lindemann und durch Sätze wie "Ich muss die Nase meiner Ollen/ An jeder Grenze neu verzollen" (Video) hat sich der Schauspieler mit dem nicht ungemein einprägsamen Namen recht nachhaltig in die deutsche Entertainmentgeschichte eingeschrieben.

Was in den immerhin 46 Zeilen, die Michael Hanfeld ihm auf der FAZ-Medienseite verehrt, nicht vorkommt: Meier ist außer Loriot- auch Fassbinder-Schauspieler. Im gerade auf der Berlinale wiederaufgeführten, sehr sehenswerten Science-Fiction-Zweiteiler "Welt am Draht" von 1973 gehören ihm die ersten Szenen. In der Rolle des Staatssekretärs von Weinlaub gibt er dort mehrfach das klassisch-indignierte Loriot'sche "Ach!" zum Besten.

Mehr über Meier frei online bietet sein Freiburger Heimatblatt. Die Badische Zeitung führte am Wochenende ein Interview ("Was glauben Sie, wird der SC wieder absteigen?") mit dem Jubilar.

Jetzt das Tagesgeschäft, das natürlich vor allem um die ebenfalls immer wieder neu zu verzollende Zukunft des Journalismus kreist.

In der sueddeutsche.de-Reihe "Wozu noch Journalismus", die hier im Altpapier ja besonders erschöpfend behandelt wird, tritt ein neuer Elch-Kritiker auf, der nun ebenfalls "das Bezahlen im Netz revolutionieren will": Peter Sunde, Gründer der schwedischen Tauschbörse "Pirate Bay".

Im das Interview zusammenfassenden Text der Papierzeitung schreibt Dirk von Gehlen: "Kultur, sagt der 31-Jährige, müsse im Netz frei sein: 'Free as in frei but not free as in kostenlos', ergänzt er im Gespräch mit der SZ, halb auf Englisch, halb auf Deutsch."

Sundes diesbezügliches Schlagwort lautet "social micropayments", sein Projekt heißt flattr und bietet hier ein liebes, 100-sekündiges Erklärvideo.

Fans kostenloser Internetinhalte werden aber auch in Zukunft noch mehr Qual der Wahl haben. Dafür wird auch ein Unternehmen sorgen, das im deutschsprachigen Raum bislang noch ziemlich unbekannt ist: Demand Media aus Santa Monica, Kalifornien, Betreiber von Webseiten wie ehow.com. Gestern widmete ihm das vernerdende FAZ-Feuilleton seinen Aufmachertext, der inzwischen auch frei online zu haben ist.

"Journalismus von der Resterampe" ist Oliver Jungens Artikel überschrieben. Die vier Zwischenüberschriften fassen den Inhalt gut zusammen: "Anspruchsloses Orientierungswissen", "Journalistische Legebatterie", "Horrorvision des freien Journalismus", "Billigvisionär im Vormarsch".

Schon kürzlich im Interview bei kress.de schilderte Gründer Shawn Colo schön plastisch, wie "etwa 10.000 freie Journalisten" sich bei seiner Firma um Aufträge bemühen können, deren Themen "mit Hilfe eines Algorithmus ermittelt" werden. Schon dort wurde Demand Media wie nun auch in der FAZ vorgeworfen, das Internet "vollzumüllen". Den angekündigten deutschen Markteintritt erwarten wir gespannt.

"Ein abschreckendes Beispiel dafür, was passieren kann, wenn man zuerst an die Vermarktung und dann an seine Leser denkt", also ein "Verständnis von Journalismus, das verzichtbar ist" (dwdl.de), haben die online erscheinenden deutsche Medienmedien gerade am Kiosk entdeckt: die frisch relaunchte Zeitschrift, die nach Schreibweise des Hamburger Bunk-Verlags nicht mehr "U_mag", sondern "uMag" heißt und nun "Print für die Internetgeneration" bieten möchte.

"Gemeinsam mit der Kreativagentur Jung von Matt/Elbe wurde ein Heftkonzept entwickelt, das eine junge Zielgruppe anspricht, die im Printbereich nur noch wenig Angebote für sich findet", hieß es in der Ankündigung. Das fixt Medien, die Internet für die Internetgeneration machen, natürlich an. Daher berichten auch kress.de (neutral, mit Link zum Youtube-Video der Heftmacher) sowie meedia.de mit erstaunlich grundsätzlicher Werberahmenmedien-Kritik ("Die Schöpfer der Werbung haben die Zwischenräume diesmal gleich mit gestaltet").

Außer bösen Worten für das Ergebnis des Relaunchs bekommen die Macher des mit rund 50.000 Exemplaren erscheinenden Hefts bei dwdl.de auch sehr nette für das, was sie zuvor gemacht hatten ("großartiges Lifestyle- und Kulturmagazin", "redaktionell ordentlich und gut, weil unaufgeregt verpackt"...). Wie so oft: Lob, für das man sich im Nachhinein erst recht nichts kaufen kann.

Bleibt noch der neuestheißeste Scheiß für die Internetgeneration, der sich heute einer bunt-vermischten Meldung der Agentur AFP auf der Medienseite der Berliner entnehmen lässt (die zumindest erheblich weniger überflüssig erscheint als die bunt-vermischte AFP-Meldung aus der nordfranzösischen Provinz, mit der die Süddeutsche ihre Medienseite arrondiert...):

"Wie die New York Times berichtete, entwickelte der 17-jährige Andrej Ternowski die Seite Chatroulette.com, ein Forum, in dem wildfremde Menschen über zwei Webcams miteinander in Kontakt treten. .. Die Seite ist jedoch nicht unumstritten, Experten warnen vor einem Missbrauch durch Voyeure und Exhibitionisten."

© Altpapier/ Christian Bartels

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+++ Eine der überzeugenderen Ideen, das Bezahlen im Netz zu revolutionieren, ist aus Sicht der Inhalteanbeiter/ Medien vielleicht doch nicht so toll, wie viele im ersten Überschwang dachten. Verlage sind wenig begeistert von den Bedingungen, die Apple vermutlich an die Nutzung seines iPads knüpfen wird, berichtet meedia.de unter Berufung auf die Financial Times England. So will Apple die Kundenkontakte offenbar ganz allein managen. "Ein Zeitungsmanager sagte der FT, dieser Punkt sei 'verdammt nah an einem Dealbreaker'". Für Zeitgenossen, die sich im Managerslang nicht perfekt auskennen: "Dealbreaker" ist völlig anders zu verstehen als z.B. "Heart"- und "Chartbreaker". +++  Inspiriert vom "Fuck you, Google"-Kommentar einer Bloggerin, deren gewalttätiger Ex-Ehemann von einem Google-Algorithmus ihrem "Freundeskreis" hinzugefügt wurde, liest Andrea Rungg in der FTD dem "Suchkonzern" die Leviten. Er unterschätze "seit langem den Wert des Datenschutzes". +++ TAZ-Medienkriegsreporterin Silke Burmester will mit Käpt'n Theo Sommer auf Segeltörn gehen. Und hat frische Ideen für RTL 2, "den Serben unter den Fernsehsendern". +++ Wer diese Ideen umsetzen könnte: die Agentur 030Casting, die sowieso schon an Ideen wie "Der Nachwuchs-Lude" und "Die Sextouristin" arbeitet. Die BLZ stellt sie ausführlich vor. +++ "Was immer man unter der 'Internetgemeinde' verstehen mag - sie hat gewonnen", kommentiert die FAZ-Medienseite zum Regierungsplan, das alte "Zugangserschwerungsgesetz" in "eine Art Löschgesetz" umzuwandeln. +++ Schön detailliert bespricht die FAZ die jungen Zeitschriften Gala Wedding ("Wen es da immer noch nicht gruselt, der fühlt sich spätestens nach der Lektüre der 'Wedding-Charts' ('Für die Mädels' Cyndi Lauper, 'Für die Jungs' Bryan Adams) und der Preisliste für Ringe ('Platin-Duo, ca. 6142 Euro') eigentlich ganz glücklich als Lediger, dessen Gedanken sich nicht dauernd um Geld und Spartipps ('Begrenzen Sie den Champagner auf den Empfang') drehen müssen") und Grazia (siehe Altpapier). +++ Von Streitigkeiten zwischen dem Bundesverband der Fernseh- und Filmregisseure und dem ZDF wegen Vergütungsfragen (nicht etwa wegen inhaltlicher) berichtet die SZ. +++ Zur Arte-Doku "Amerikas geheimer Krieg in Laos" äußern sich TAZ und TSP. +++ Joachim Huber hat fertig mit HD-Ready (Olympia-TV-Kolumne im TSP). +++ Eine Aufgabe ist eine Aufgabe, bzw.: "In einem der sehr wenigen wachsenden Medienunternehmen diese Aufgabe wahrzunehmen ist eine spannende Aufgabe", lässt sich Wolfgang Zehrt, jetzt Sprecher der Nachrichtenagenturen DDP und DAPD, gern zitieren. +++ Und um auf Heinz Meier zurückzukommen: In dessen Theater in Freiburg sind, anders als bei Loriot, Hunde "ausschließlich zu den Freilichtspielen im Innenhof und nur im Einzelfall unter folgenden Bedingung gestattet: Grundsätzlich behält sich das Theater vor - auch ohne Begründung - die Mitnahme des Tieres zur Vorstellung zu versagen / zu widerrufen, wie etwa bei sehr vollen Vorstellungen (Preis wird für diesen Fall erstattet). Der Halter muss mit Hund in den letzten Reihen Platz nehmen, so dass bei objektiver Störung die Vorstellung unverzüglich verlassen werden kann. Das Risiko einer ev. entgangenen Vorstellung trägt der Hundehalter."
 

Am Donnerstag gegen 9.00 Uhr komplettiert das Altpapier wieder das Informationsbedürfnis.
 

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