Altpapier vom Dienstag - Im Angesicht der Häusle-Schleicher
| Veröffentlicht: | 23 Februar 2010 09:04 |
| Verändert : | 23 Februar 2010 09:53 |
Metaphern aus DDR, Weltkrieg, Fußball und Schwaben zeigen: Die medienpolitische Diskussion des Jahres ist da. Außerdem: barocke Bizzarerie in Fernsehen und Filmkritik.
Holla, was für eine Diskussion, hat St. Nikolaus Brender, der offiziell anerkannte Journalist des Jahres, da geradezu generalstabsmäßig in Gang gesetzt. Spätestens seit sein Ex-Kumpel, der weiter amtierende ZDF-Intendant Markus Schächter, das Seine erwiderte (per Pressemitteilung, nicht per Spiegel Online-Interview, liebe AFP, lieber KSTA), sind alle Positionen zu Brenders Spiegel-Interview (S. 130-133, nicht frei online, wer wirklich mitreden will, muss bezahlen) bezogen. Dass die muntere Debatte auch noch die, äh, systemischen Übel berührt - immerhin nicht auszuschließen.
"Ausgerechnet der Ober-Diplomat auf dem Mainzer Lerchenberg fordert mehr Mut", kommentiert SPON tatsächlich Schächters Entgegnung. Und auch wenn Brender "in der Wortwahl bis ans Äußerste ging", schreibt dort Markus Brauck (der Brender als einer der beiden Interviewer vielleicht ein wenig dahin getrieben hat), sei der Chefredakteur "nicht der Täter, er ist der Kronzeuge."
Und während Hugo Diederich, entsandter Vertreter der gesellschaftlichen Gruppe VOS (Vereinigung der Opfer des Stalinismus) im ZDF-Fernsehrat Brenders Stasi-Vergleiche pflichtgemäß "Entgleisung" nannte (siehe z.B. hier), findet ausgerechnet FAZ-Medienseitenchef Michael Hanfeld Gefallen an den DDR-Metaphern. Und zwar großen:
Auch die "Gewaltenverschränkung, nicht Gewaltenteilung", die im Institutionendschungel des ZDF herrscht, "könnte einen auf DDR-Vergleiche bringen". Und was CDU-Mann Marco Wanderwitz gestern beisteuerte (siehe Altpapier, Bild-Zeitung), "wie, wenn nicht als stalinistisch" sollte man das bezeichnen?
Man darf gespannt sein, ob der CDU-Obmann im Medienausschuss des Bundestages auch diesen, noch durch die Sentenz "Die Hybris der Macht reicht noch bis zum untersten Obmann" veredelten Presse-Credit auf wanderwitz.de stellt.
Wer den FAZ-Artikel liest, findet neben einem dritten DDR-Vergleich aber auch noch einen (in der Sache korrekten) Hinweis auf Hanfelds Steckenpferd: "Die Parteien formen die Anstalten nach ihrem Willen, machen Personal- und damit Programmpolitik, dafür genehmigen sie den Sendern Gebührenerhöhungen satt und das Ausgreifen ins Internet."
Diejenigen, die meist andere Meinungen als Hanfeld vertreten, tun dies auch jetzt. So findet Steffen Grimberg (TAZ) den Stasi-Vergleich allenfalls "diskutabel" und erinnert ansonsten daran, dass Brender das charmantere Synonym "Häusleschleicher" aus dem Munde des Alt-Intendanten Dieter Stolte keineswegs im Spiegel erstmals zitierte (sondern schon '09 in der TAZ).
Und wenn das ZDF auch keine DDR ist, "ein Musterbeispiel für Demokratie und Recht" ist es auch nicht, fügt der Bonus-Kommentar hinzu.
Daland Segler, der zu Mediendingen meistens schweigt, seit sich der Berliner DuMont-Presse-Pool auf die Medienseite der Frankfurter Rundschau ergießt, greift zu Metaphern aus Fußball ("Eigentor beim Nachtreten") sowie Weltkrieg ("...Strategie der verbrannten Erde. ... Der martialische Vergleich mag hoch gegriffen sein, aber genau das hat Brender jetzt auch getan: sich vergriffen"). Mit dieser heftigsten Contra-Brender-Meinung landet er auch auf der traditionell selten meinungsfrohen BLZ-Medienseite.
An eine "Soap-Opera wie im Werbe-Vorabendprogramm" fühlt sich sueddeutsche.de erinnert (Papierzeitung ähnlich), bietet nach dem starken Einstieg allerdings bloß einen Agenturen-Cocktail mit Politikermeinungen. Dort u.a. findet sich die aus der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz per E-Mail versandte Ansicht des Mainzer Ministerpräsidenten Kurt Beck in Richtung des erwähnten CDU-Mannes Wanderwitz: "Öffentliche Drohgebärden seien in dieser Frage nicht hilfreich".
Wer eher Schelm als Staatssekretär ist, könnte Beck dieses Wording leicht im Munde umdrehen: Klar, in solchen Fragen helfen versteckte Drohungen sicher eher. Das zumindest war auch in der DDR so. Das bestätigt sogar Brender im Spiegel ("Die andere Seite hinterlässt ungern Spuren").
Damit zu noch rasch einem schöneren Höhepunkt des Fernsehentertainments, das nicht im und ums ZDF, sondern beim WDR ersonnen wurde und nicht hinter den Kulissen spielt, sondern Ende April unmittelbar auf die Bildschirme gelangen wird: der gerade zum Berlinale-Ende uraufgeführten Serie "Im Angesicht des Verbrechens". Regisseur Dominik Graf entwirft dort einen Kosmos, in dem u.a. versteckte Drohungen ein Netz von Abhängigkeiten und Verflechtungen schaffen, von dem vermutlich selbst der stellvertretende Vorsitzende des ZDF-Verwaltungsrates bloß träumen kann.
Gestern verfasste Christopher Keil fürs SZ-Feuilleton eine Besprechung ganz im gewohnten, aber eben oft berechtigten hymnischen Graf-Besprechungs-Sound ("Verdichtung aller guten und sehr guten Kriminalfilme, die Dominik Graf in den vergangenen zwanzig Jahren vorgelegt hat").
Heute nun versucht Julian Hanich im Tagesspiegel, die "barocke Bizarrerie" des Zehnteilers in eine Filmkritik umzusetzen:
"Graf liebt Filme, die pochen und pulsieren, in denen das Leben tobt und wütet und deliriert. Seine Figuren ernähren sich deshalb vor allem von Champagner, Kaviar, Koks und immer wieder Wodka, Wodka, Wodka. ..."
| © Altpapier/ Christian Bartels |
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+++ Wenn Bewegtbilder das Internet erobern, könnte das klassische Fernsehen nicht einfach im Gegenzug auf Standbilder setzen? Zumindest erregte gestern der ProSiebenSat1-Chef Thomas Ebeling "Raunen" in einem Saal, in dem über den sog. Nachrichtenkanal N24 und dessen Zukunft (Ebeling: "Ein Fortbestand in der jetzigen Form ist aber in jedem Fall nicht angebracht") diskutiert wurde, als er zur Kosteneinsparung bei der Fernsehnachrichten-Herstellung anregte:"Man muss ja nicht immer unbedingt ein bewegtes Bild zeigen. Ein Foto reicht doch auch" (meedia.de). +++ Ebd. zweifelt Georg Altrogge, "ob Brender mit seinem Stasi-Vergleich gut beraten war" und wundert sich, weil der Chefredakteurskollege kürzlich in Baden-Baden noch so "ausgeruht und zufrieden" wirkte. +++ Zumindest "arbeitsrechtlich bedenklich" könnte Brenders Interview sein (Kai-Hinrich Renner, HAB). +++ Die SZ (S. 17) hat nun auch mal mit KEF-Chef Heinz Fischer-Heidlberger gesprochen, der ARD und ZDF im Prinzip verantwortungsvollen Umgang mit den GEZ-Gebühren bescheinigt. +++ "Der wegen Betrugsversuchs an der taz verurteilte Günter von Gravenreuth ist tot" (TAZ). "Als Experte für IT- und Urheberrecht wurde Gravenreuth Mitte der achtziger Jahre damit bekannt, in Computerzeitschriften mit fingierten Anzeigen Jugendliche zum Softwaretausch zu animieren, die nach einer Antwort auf die Anzeigen von ihm abgemahnt wurden" (Detlef Borchers in der FAZ, S. 37) +++ Island könnte "Himmel auf Erden der Meinungs- und Pressefreiheit", zur "Schweiz der Bits" werden? Siehe TAZ. +++ Im Petitionsausschuss des Bundestags wurde, während Jörg Tauss "ein wenig zu gewollt mit einem jungen, ziegenbärtigen Parteifreund" scherzte, Petentin Franziska Heine zu ihrer Eingabe gegen Internetsperren befragt (BLZ). +++ "Die Wirtschaftsseiten wurden dem Politikteil einverleibt und der Kulturteil verschönert. Eingestampft sind dagegen die bunten Sondermagazine für Sport, Musik und Frauen": Barbara Klimke berichtet in der BLZ, wie sich "das älteste Sonntagsblatt der Welt", der britische Observer, ein vielleicht letztes Mal frisch gemacht hat. +++ "Wieder einmal erwies sich, dass in der Leichtigkeit und Geschwindigkeit des neumedialen Informationspingpongs auch sein Fluch liegt", beglossiert die FAZ die Vorabaufregung um vermeintlich aufregende David Paterson-Enthüllungen der New York Times. +++ Robin Meyer-Lucht vergaß auf SPON "zu erwähnen, dass er selbst im Drei-Stufen-Test-Verfahren die Gelegenheit zur Stellungnahme zu 'tagesschau.de' wahrgenommen hat und somit Partei ist"? epd medien greift in den "Kalten Medienkrieg" um tagesschau.de und andere Dreistufentests auf öffentlich-rechtlicher Seite ein. +++ Unter Rückgriff auf den Ersten Weltkrieg und eine Grafik mit der Unterschrift "Keines der Gespräche, die Anne Mustermann in einer schwierigen Lebensphase führt, wird abgehört. Aufschluss gibt jedoch bereits das Wissen, mit wem sie wie oft in Verbindung tritt", erläutert Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs, auf faz.net die Tücken der Vorratsdatenspeicherung.
Frisches Altpapier gibt's wieder am Mittwoch gegen 9.00 Uhr.
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag





