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Altpapier vom Mittwoch - Kalter Medienkrieg

Veröffentlicht: 24 Februar 2010 09:19
Verändert : 24 Februar 2010 10:11

Neue Fronten werden laufend eröffnet: Springer gegen Apple (wg. der nackten Pressefreiheit), CSU gegen Google, Google gegen heimliche Liebhaber...

"Ein bisschen Papier zwischen den Fingern - das wird auch die nächsten zehn Jahre noch gut tun."
(Ehrengast Angela Merkel zum Zehnjährigen der Financial Times Deutschland; siehe kress.de; Fotostrecke bei der Jubilarin selbst).

Nettes Grußwort der Kanzlerin. Zu gemütlich für den "Kalten Medienkrieg", von dem Diemut Roether in epd medien (gestern im Altpapierkorb) schrieb? Jedenfalls findet dieser Krieg auf vielen, immer neuen und trotzdem auch weiter den alten Schlachtfeldern statt.

Gestern mittag veröffentlichte Stefan Niggemeier sein Schlachtengemälde zum ungefähr gleichen Krieg, unter das er später einen Hinweis zum thematisch ähnlichen Roether-Artikel setzte. Er ergreift ebenfalls energisch Partei für die Öffentlich-Rechtlichen ("Es sind die Verlags- und Privatsenderleute selbst, die diesen Eindruck gerade erwecken, dass sie unter den herrschenden Bedingungen nicht für Qualität im Internet bürgen können").

Niggemeiers Text ist auch für seine Verhältnisse kein kurzer. Dennoch oder deswegen ließe sich einiges gegen die Argumentation einwenden. Zum Beispiel, dass kaum bis gar nicht die Frage vorkommt, ob ARD und ZDF für ihre Gebührenmilliarden nicht viel zu viele bestenfalls mittelprächtige Sendungen herstellen, die in viel zu vielen Kanälen so versendet werden, dass die guten in dieser Masse untergehen. Bzw. die Frage, ob all das wirklich auch noch uneingeschränkt ins Internet einfließen muss.

Doch verpuffen solche Einwände angesichts des neuesten Springer-Coups, den Spiegel Online (bei Niggemeier auch heftig kritisiert) gestern um 17.16 Uhr gern vermeldete:

"Der Großverlag sucht den Schulterschluss der Medien gegen die Nacktbilder-Zensur", die Apple auf seinem iPhone, dem aktuellen Hot Spot aller Medienmanager-Fantasien (wie auch vieler Sendeanstalts-Hierarchen-Fantasien) treibe.

"Heute sind es nackte Brüste, morgen womöglich redaktionelle Artikel", soll Donata Hopfen, ihres Zeichens "General Manager BILDmobil", am Montag den Zeitungsverlegerverband aufzurütteln versucht haben. "Zensur", "Einschränkung der redaktionellen Freiheit", "Pressefreiheit" zitiert SPON aus ihrer E-Mail.

Einerseits scheint "Pressefreiheit" für die Verleger zu einem Kampfbegriff auf der Bedeutungshöhe von "Quartalsgewinn" zu degenerieren.
Andererseits, falls Apples Geräte wirklich so wichtig werden, wie gerade viele Medienmanager glauben, könnten sich "die aus europäischer Sicht prüde wirkende Haltung gegen erotische Inhalte" (SPON) des US-Konzerns und seine relativ willkürlichen Applikationen-Freigabe (die App "Passion", die "anhand der Lautstärke beim Orgasmus" die "sexuelle Performance" misst, ist erlaubt, weiß SPON) tatsächlich zum Problem entwickeln.

Wird Apple also das neue Springer, was Marktmacht, Imagewerte und Umstrittenheit angeht? Da wäre natürlich der ähnlich sympathische Google-Konzern davor. Der lud gestern in die Hamburger Landesvertretung zu Berlin, um in einem höllisch überfüllten Konferenzsälchen seinen im Lauf des Jahres in Deutschland startenden Street View-Service (Widerschein schon mal bei sightwalk.de) vorzustellen.

Robin Meyer-Lucht hat für Carta mitgefilmt, "leider in schlechter Qualität, weil ich zu spät und alles so voll war".
Ein wenig aber wird deutlich, was Renate Meinhof (SZ, S. 3) meint, wenn sie den Google-Produktmanager Raphael Leiteritz beschreibt: "Er trägt sein Haar etwas länger und bändigt es, indem er Gel benutzt, was dazu führt, dass die letzten, dem Hemdkragen fast aufsitzenden Locken, irgendwie traurig aussehen in ihrem strähnigen Gebändigtsein... Aber Moment, sind das nicht personenbezogene Daten?"

Wer großen Wert auf Datenschutz legt, wird trotz Googles angeblichen Zugeständnissen an die datenschutz-versessenen Deutschen nicht begeistert sein (SZ: "Aber was ist, wenn, zum Beispiel, eine Frau fotografiert wurde, die aus einem Haus tritt, in dem ihr Mann einen Liebhaber vermutet? Ihr Gesicht ist nicht zu erkennen, aber das Kleid, das sie trägt, ist so einmalig auffällig, dass er trotzdem Fragen stellt. 'Kann sie sich dann ganz und gar wegpixeln lassen?', fragt eine Dame im Publikum. Nein, das gehe nicht, sagt der Fachmann vorn am Pult").

"Ich würde mir wünschen, dass Google es nicht als Belästigung empfindet, wenn rechtliche Bedenken geäußert werden", sagt in eigentlich etwas anderem Zusammenhang (Google Book Settlement), aber es wächst ja alles zusammen, die Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zur sie interviewenden FAZ.

Unten drunter auf derselben Zeitungsseite im Wirtschaftsressort geht es dann wiederum um Street View. In dem Artikel steckt eine harte Neuigkeit: "Weil der Konzern mit Werbung in dieser digitalen Welt Geld verdiene, käme Google Street View einer Sondernutzung des öffentlichen Raumes nahe, für die Kommunen Gebühren erheben könnten, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Johannes Singhammer (CSU), dieser Zeitung".

Unter Aspekten der Finanzierung notleidender Kommunen ist Street View also vielleicht sogar eine gute Sache. Unter denen des Datenschutzes ist es vielleicht "längst harmlos", zumindest im Vergleich mit anderen Google-Aktivitäten wie Buzz, meint die FTD.

Dennoch, vorbildlichen Service bietet der Tagesspiegel, dessen Street View-Artikel schon mal mit den Anschriften endet, bei denen Menschen, die z.B., oops, in auffälliger Kleidung nach einem eigentlich geheimen Rendezvous fotografiert wurden, "schriftlich und formlos" Widerspruch einlegen und anschließend mit "schneller" und "unbürokratischer" Gesichts-Verpixelung rechnen können:

E-Mail: streetview-deutschland@google.com
Postadresse: Google Germany GmbH
Betr. Street View
ABC-Straße 19
20354 Hamburg

© Altpapier/ Christian Bartels

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+++ Wer billiges Argumentationsmaterial gegen das Privatfernsehen an sich und/ oder gegen Finanzinvestoren-besessene Medien braucht, kommt um ProSiebenSat1-Chef Thomas Ebeling nicht mehr herum. Über die N 24-Diskussion am Montag in Bayerns Landesvertretung in Berlin (gestern via meedia.de im Altpapierkorb) berichten heute die SZ (S.17: "Wenn der Vorstandsboss ein Team hatte, das ihn vorbereitete, war er schlecht gebrieft"), die FAZ (S. 37, notiert u.a., was Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff zu Jürgen Doetz sagte: "Ich habe nicht das Gefühl, dass Sie zusätzliche Gelder wirklich für Verbesserungen einsetzen würden“) und der Tagesspiegel ("Es scheint ein bemerkenswerter Unterschied darin zu stecken, ob ein privatwirtschaftlicher Fernsehkonzern das Handelsobjekt von 'Heuschrecken' ist oder zu einem Medienunternehmen wie Bertelsmann gehört, das auch im TV-Segment wirtschaftliches Handeln und publizistisch-gesellschaftliche Verpflichtung zur Deckung bringen will"). +++ Und auch das ist noch wichtig heute: Die Rundfunkkommission der Bundesländer will einen einen Kompromiss zur künftigen Zusammensetzung des ZDF-Gremien auskungeln. Steffen Grimberg informiert in der TAZ und stellt eine Minimalforderung, die auch schon kaum Chancen hat: "Minister müssen draußen bleiben!" +++ Material gegen Google (falls man Medienmanager eines anderen Unternehmens ist) oder für Google (falls man eine Aktie zum Investieren sucht): 60 Prozent der deutschen Netto-Online-Werbeausgaben fließen an den Konzern, es soll aber noch viel mehr werden (FAZ gestern/ faz.net). +++ Bundesdatenschützer Peter Schaar will, ähnlich wie die Verleger, kartellrechtlich gegen Google vorgehen (DPA). +++ Zurück zu Thomas Ebeling: Das relativ größte Verständnis für ihn bringt die Berliner Zeitung auf. +++ In der und um die Wochenzeitung Freitag herum wird die Kündigung des Redakteurs Ingo Arend diskutiert (René Martens). +++ Island als Journalisten-Paradies? Nun auch in der BLZ. +++ Deren Kolumne "Verlinkt" widmet sich dem Freitod des umstrittenen Anwalts Günter von Gravenreuth. +++ Im von der Nachrichtenagentur DDP gegen die Nachrichtenagentur AFP bei der EU-Wettbewerbsbehörde angestrengten Beihilfe-Verfahren werden nun die Regierungen in Paris und um Stellungsnahmen gebeten, meldet die SZ. +++ Das Bemühen der New York Times, für Online doch wieder Geld zu verlangen, beleuchtet in der TAZ Paul Hockenos. +++ Nach SPON hat auch der Tagesspiegel der überragende Eignung des Schauspielers Frank Giering, gerade in der ZDF-Serie "Der Kriminalist" zu sehen, als Gegenstand großer Interviews bzw. Porträts entdeckt: "Seine Diät heißt 'Verliebt, Liebe, Liebeskummer'". +++ Der FAZ-Artikel "Die beiden Herren blicken weiter als Google Earth" hat dennoch wenig mit Google zu tun, sondern bespricht Fritz Sterns und Helmut Schmidts Auftritt bei Reinhold Beckmann. +++ Mit einer wie Maria Furtwängler "könnte man selbst die Taliban in die Knie zwingen. Ganz ohne Aussteiger-Prämie": Da berichtet Silke Burmester (TAZ) wieder aus dem eher heißen Medienkrieg. +++
 

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