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Altpapier vom Mittwoch - Blanke Nerven

Veröffentlicht: 3 März 2010 09:30
Verändert : 3 März 2010 10:51

Schon wieder hat der Journalismus Niederlagen erlitten: gestern vorm Bundesverfassungsgericht, in den Jurys des ach so renommierten Nannen-Preises. Nur eine streitet tapfer für ihn: Patricia Riekel.

So ein Tag wie gestern, an dem sich gespannt erwartete Grundsatzurteile eines höchsten Gerichts erst nochmal gespannt erwarten, dann in Wort (wir empfehlen heise.de) und Bewegtbild dokumentieren und anschließend erläutern (SPON: "Was das Urteil wirklich bedeutet"), kommentieren (ebd.: "Schwarz-gelber Chaos Computer Club"), gastkommentieren (z.B. Frank Rieger, Sprecher des echten Chaos Computer Clubs, fürs FAZ-Feuilleton) sowie als Presseschau mit angehängter Wordle-Cloud (unser Bild; Carta) aufbereiten lassen, ist natürlich ein Fest für das Echtzeit-Internet und alle, die darin und teilweise davon leben.

Wenn die ursprünglich wohl von einem anonymen College-Studenten geäußerte Ansicht "If the news is important, it will find me" zutrifft, werden jeden Internetnutzer bereits genügend Urteils-Aufbereitungen gefunden haben. Wir konzentrieren uns auf die Bedeutung, die das Urteil für ein ehrwürdiges altes Handwerk, eine liebenswürdige Kunst mit heftig gefühltem Quasi-Verfassungsrang hat: den Journalismus.

"Auch die Journalisten haben gestern in Karlsruhe verloren", lauten die letzten Worten der Urteils-Interpretation von Christian Bommarius (BLZ). Das Urteil "ist nur ein halber Sieg" für die 35.000 Beschwerdeführer, glaubt Heribert Prantl, der große Justizversteher der Süddeutschen Zeitung, auf Seite 2 derselben (online via jetzt.sueddeutsche.de). Das habe damit zu tun, dass das BVerfG das allerhöchste Gericht gar nicht mehr ist:

"Wohl ist dem Bundesverfassungsgericht bei diesem Urteil nicht. Es hätte offenbar gerne die umfassende Speicherung verboten oder eingeschränkt, hat sich aber nicht getraut, weil es dann die Geschichte entweder dem Europäischen Gerichtshof zur Entscheidung hätte vorlegen müssen - oder aber erklären, die EU habe mit der Richtlinie über die Vorratsdatenspeicherung ihre Kompetenzen überschritten."

In der Papier-SZ flankiert diesen Kommentar ein übersichtlicher Kasten, der in sechs Punkten "den Rahmen für ein neues Gesetz" absteckt. Der gleiche Textkörper wurde gestern nachmittag bereits von sueddeutsche.de (ganz gemäß der goldenen Zehn-Punkte-Regel für elektronische Medien) als "Die zehn Gebote der Vorratsdatenspeicherung" aufbereitet. Hier wird aus dem halben Sieg sogar, nach Punkten, eine knappe 4:6-Niederlage.

Der letzte der sechs Punkte, die Prantl sorgen und Befürworter der Datenspeicherung freuen: "Es ist ... zu befürchten, dass der Gesetzgeber das künftige Zugriffsverbot nicht auf die Telekommunikationsdaten von Journalisten erstreckt." Anders als auf Mitarbeiter z.B. der Telefonseelsorge.

Höchste Eisenbahn, mit wuchtiger Verve nochmal die wichtige Funktion der Journalisten ins öffentliche Gedächtnis zu rufen. Zum Beispiel so:

"Wenn uns aber Hinweise und Informationen erreichen, dass Politiker die Öffentlichkeit und die Wähler in moralischer Hinsicht täuschen oder möglicherweise Beispiel gebend in Beziehung oder Privatleben Maßstäbe setzen, die zu gesellschaftlichen Diskussionen führen, werden wir dies recherchieren.

Wenn Spitzenpolitiker sich von ihrer 4. Frau scheiden lassen, wenn Spitzenpolitiker eine 40 Jahre jüngere Frau heiraten, wenn Spitzenpolitiker Freundinnen in höhere Ämter befördern - auf Steuerkosten - wenn Spitzenpolitiker ein Alkoholproblem haben, wenn Spitzenpolitiker im Wahlkampf ihre angeblich intakte Familie vorweisen, während sie gleichzeitig in einer langjährigen Nebenbeziehung leben, dann liefern sie durch ihren Lebensstil gesellschaftlichen Diskussionsstoff. Es ist korrekter Journalismus, solchem und ähnlichem Verhalten von Politikern nachzugehen. ...

... Zusammenfassend erkläre ich Ihnen hier noch einmal: Politiker werden durch die Medien kontrolliert. Das umfasst auch die Privatsphäre der Politiker, wie es vom Bundesverfassungsgericht klar definiert wird. So ist das in der Demokratie. ..."

Dieses fulminante, zum Hauptthema des Tages perfekt passende Plädoyer für die Kontrollfunktion der Presse stammt von - Patricia Riekel. (Und kress.de bildet die Bunte-Chefredakteurin auch gleich so ab, als wäre sie, rein robenmäßig, schon Bundesverfassungsrichterin: Bloß ihre Himbeerenkette müsste Riekel noch gegen einen weißen Schal eintauschen.)

Mit dem langen offenen Brief, den Hubert Burda Media gestern gern verbreitete, reagierte Riekel auf einen nicht ganz so offenen Brief mit Entschuldigungsforderung, den die prominente Politikerin Renate Künast zuvor an Burda richtete. Dieses Schreiben ist nicht einmal in den Content-Strom von renate-kuenast.de eingeflossen, sondern nur mittelbar im Paket mit Riekels Antwort (z.B. SZ gestern, SZ heute, TSP) zu haben. Vor dem Hintergrund der Medienkompetenz der Grünen ist es wahrscheinlich auch egal. Vielleicht sollte Frau Künast demnächst mal einen Bambi kriegen.

Bloß zeigt Riekels ausführliche Antwort, wie blank die Nerven in der Bunte/ Stern-Sache weiter liegen. (Seit 9.21 Uhr gibt es einen Teaser für die morgigen Papier-Berichterstattung)

Und damit zur seit Freitag/ Montag gespannt erwarteten Frage, was denn nun an diesem Mittwoch TAZ-Kriegsreporterin Silke Burmester zu Riekels Privatleben mitzuteilen hat.

Nun ja. Es geht um das Verbringen des Weihnachtsfests, ein Haarfärbemittel sowie in dem Sound, den Riekel selbst noch besser drauf hat, um die "Chefredakteurin eines gesellschaftlichen Moralmessers" als "eine Leitfigur meines Wertesystems".

Weiter unten in derselben (aber wie immer multithematischen) Kriegsreportage geht's etwas kryptisch um den Henri-Nannen-Preis, den manche, vor allem Journalisten, für sehr wichtig und renommiert halten.

Was die Kollegin genau meint, erläutert Steffen Grimberg auf taz.de: Der Nannen-Preis "ist auf dem besten Wege, sich selbst lächerlich zu machen". Hier spielen Kai Diekmann und das  von ihm entfesselte Pösschen um einen anderen Journalistenpreis, den des den medium magazins, Rollen.

Wer jetzt aber Gefahr läuft, den Nannen-Preis für noch viel lächerlicher zu halten, als er derzeit vielleicht erst ist, kann ja noch einen Blick auf die genannte Shortlist werfen.

Und feststellen, dass immerhin auch Kriegsreporterin Burmester selbst dort nominiert ist (nicht in der Kategorie "Investigation" neben Leyendecker & Co sowie jetzt tatsächlich auch Jan Meyer und Julian Reichelt von der Bild-Zeitung, sondern in der Kategorie "Humor" neben Krachern wie Hajo Schumachers Kolumne "Achim Achilles").

© Altpapier/ Christian Bartels

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+++ Beate Wedekind war bis 1993 Chefredakteurin der Bunte und ist jetzt also nicht mehr ganz dicht dran am Betrieb dort. Sie machte aber, als der Tagesspiegel sie nun dennoch dazu interviewte, auch gar kein Geheimnis daraus ("Ich kann mir übrigens gut vorstellen, dass da verlags- und redaktionsintern gerade heftig diskutiert wird", "Wenn stimmt, was der 'Stern' schreibt, dann sind das in der Tat übelste Schnüffelmethoden. Schmierig! ") +++ Bodo Hombach: "Das können Sie nicht im Ernst fragen." - Ulrike Simon: "Doch"! Im BLZFR-Interview mit dem WAZ-Geschäftsführer scheint es ernst hergegangen zu sein. Hombach sagt z.B.: "Im Ernst: Ich glaube fest an die Notwendigkeit der Presse als vierte Gewalt. Ich war einmal Wahlkampfverantwortlicher. Da bin ich wahrlich nicht jeden Morgen aufgewacht und habe mich gefragt, wie ich Medien objektiv informieren könnte. In meinem früheren politischen Leben habe ich andere skandaliert. Ich wurde aber auch ungerechtfertigt skandaliert. Ich war also Täter und Opfer zugleich." +++ Wedekind: "Da unsere Branche aber sehr schnelllebig ist, wird sicher bald der nächste Hund durchs Dorf gejagt." Ja, es wird schon "eine neue Sau ... durchs Internet getrieben, surfen Sie vorsichtig und überholen Sie nicht!" (BLZ-Kolumne "Verlinkt" über pleaserobme.com). +++ Durchs Fernsehen werden dagegen weiterhin erfolgreich Möchtegern-Musikern und -Models getrieben (TSP). +++ Den großen Entertainer Thomas Ebeling, Chef von ProSiebenSat1, suchte daheim in der Schweiz die FTD auf. +++ Ebeling muss jetzt auf ein Positionspapier der deutschen Landesmediendirektoren reagieren. Die fordern vom Privatfernsehen, "sich mit einer Selbstverpflichtung zur Bedeutung von Nachrichten und Informationssendungen zu bekennen und für 'einheitliche Standards' zu sorgen. Andernfalls werde man die Anforderungen an die Voll- und die Informationsspartenprogramme in einer Richtlinie verdeutlichen" (FAZ, S. 31). +++ Warum hat Filmproduzent Nico Hofmann Rudi Dutschke zum Thema eines Dokudramas gemacht, das demnächst im ZDF und heute schon mal am Sitz der TAZ in der Rudi-Dutschke-Straße läuft? Hofmann im TAZ-Interview: "Die Thematisierung im Zuge der Umbenennung Rudi-Dutschke-Straße hat die Person wieder der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht." +++ Radikales Sparprogramm bei der BBC (SZ, FAZ, frei online im Tagesspiegel:) "Der britische Sender will sich stärker auf seine öffentlich-rechtlichen Aufgaben konzentrieren, die Qualität der Programme steigern und zum ersten Mal seit Jahrzehnten Aktivitäten freiwillig einschränken." +++ "Entsteht mit der Web-Reportage", international auch "Web Documentary" genannt, nun endlich eine eigenständige journalistische Form, die die Möglichkeiten des Internets nutzt?" In der SZ (S. 15) ist Sebastian Kunigkeit hin und her gerissen. Ein genanntes Beispiel für das potenziell neue Genre: "Journey to the end of coal". +++ Neues Spielmaterial für die medieninteressierte Justiz: "Betroffene Bürger können auch vor deutschen Gerichten gegen den Internet-Auftritt ausländischer Medien vorgehen", z.B. gegen die New York Times (AFP/ BLZ). +++
 

Das Altpapier erscheint noch bis 9. März auf dnews. Wer mehr über die Zukunft der ältesten deutschen Online-Medienkolumne erfahren möchte, sobald es Neues gibt, kann dem Altpapier auf Twitter folgen, auf Facebook Fan werden oder einfach an dasaltpapier@googlemail.com mailen

 

 

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