Altpapier vom Donnerstag - Krieg der Illustrierten
| Veröffentlicht: | 4 März 2010 09:14 |
| Verändert : | 4 März 2010 10:57 |
Stern gegen Bunte, Teil 2: Wohin sollten moralintrunkene Lemminge nun rennen?
Wann ging man zuletzt so gespannt wie an diesem Donnerstag zum Kiosk, um dort bedrucktes Papier zu erwerben ?
Schließlich wird heute der Illustrierten-Krieg vom letzten Donnerstag fortgesetzt. Gestern gab es eine neue Ankündigung des Stern ("Das Ausmaß der Spitzel-Affäre um das Privatleben von Spitzenpolitikern ist noch größer als bislang angenommen") und noch eine postwendende Erwiderung des Bunte-Verlags Hubert Burda Media, in der Patricia Riekel (unser Foto) gern daran erinnerte, dass auch der Stern "ausführlich und wiederholt über das Privatleben von Politikern berichtet" und zur Illustration Fotos der derzeit so umstrittenen Agentur CMK verwendet hat.
Ohne der holzverarbeitenden Industrie schaden zu wollen: Was das Stern-Heft, dessen "Vorsorge und Früherkennung"-Cover Volksgesundheit und Erotik raffiniert in Einklang bringt, in puncto "Späh-Affäre" berichtet, geht nicht über das hinaus, was inzwischen auch sonst überall steht.
Vier Textseiten zuzüglich einer weiteren mit Meinungen von Betroffenen (Münte: "Ich begrüße, dass der Stern die Courage zur Veröffentlichung seiner Recherche-Ergebnisse hatte", online ähnlich), Experten à la Michael Haller und Medien (Steffen Grimberg, Heribert Prantl) gelten dem Thema.
Dass die Agentur CMK (aktuelle Pressemitteilung als PDF) auch den Politikern Wolfgang Tiefensee, Günther Oettinger und Christian Wulff "nachgestiegen" (Stern) ist, dass "als Auftraggeber auch die Industrie gewonnen werden" sollte bzw. zumindest der saarländische Porzellan-Industrielle Wendelin von Boch-Galhau als Finanzier einer gegen Oskar Lafontaine gerichteten Recherche vergebens angefragt wurde, das schrieb vorab schon stern.de.
Mit einer breitflächigen Nacherzählung ("Staatsaffäre Sex") legte sueddeutsche.de nach.
Und die großen Fotos, die der Stern über einem kleinen Foto des hinter Gebüsch versteckten CMK-Chefs Stefan Kießling (übrigens überhaupt nicht identisch mit dem gleichnamigen Fußballspieler) von Tiefensee, Oettinger und Wulff jeweils mit Begleitung zeigt, sind keine Paparazziarbeiten, sondern in schönstem Einvernehmen entstanden. Davon zeugt schon das sechsfach schöne Lächeln darauf.
Nicht leicht, zu schreiben, was man davon halten soll (und das nicht bloß, weil Tiefensee, Oettinger sowie Horst Seehofer, um den es weiterhin geht, bislang keine Mediendarlings waren, sondern wegen eher überdurchschnittlich misslungener Politik auffielen).
"Nach allem, was bisher bekannt ist, gilt es zu differenzieren", meint Ulrike Simon (Berliner Zeitung), nachdem auch sie den Stern-Content und Riekels vorgestrige Einlassungen (siehe Altpapier gestern) ausführlich wiedergegeben hat. Und differenziert bis hin zu dieser Conclusio:
"Ob Bunte hinter den neu bekannt gewordenen Fällen Wulff, Oettinger und Tiefensee steckt, wurde weder von der Illustrierten noch von CMK bestätigt. Es dürfte auch noch andere Blätter geben, die raue Recherchemethoden nicht ablehnen, um an auflagefördernde Titelstorys über Politiker und andere Prominente zu gelangen."
Während der Tagesspiegel Experten vom auch im Stern gern zitierten Medienanwalt Christian Schertz bis zum Springer-Sprecher Tobias Fröhlich ("'Bild’ hat nun mal keine Medienseite“) befragte, blickte die Süddeutsche aufmerksam in die neueste Bunte.
Die ist nämlich, obwohl sie eigentlich ebenfalls donnerstags herauskommt, aus anderem aktuellen Anlass ausnahmsweise früher erschienen: gestern, um "bei der Veröffentlichung der ersten Fotos von Amadeus Becker", dem frisch erschienenen Boris Becker-Baby, nicht hinter der Bild-Zeitung her zu hinken.
Außer Riekels "irritierendem Editorial" "Wenn das Private politisch wird", "das bebildert ist mit einem küssenden Franz Müntefering", hat Christopher Keil auch das online nicht erhältliche Stück über Liz Mohn ("Patriarchin mit Herz, Verstand und sozialem Engagement. Die Bertelsmann-Chefin lud Bunte ein, sie einen Tag lang zu Hause in Gütersloh zu begleiten") gelesen. Der Stern gehört ja zum Bertelsmann-Imperium. Tiefergehende Rückschlüsse lassen sich offenbar dennoch nicht ziehen.
Medienjournalistisch die größte Oper gestaltet Michael Hanfeld (FAZ) aus dem Stoff. Sie heißt in der Online-Version "Die Gnadenlosen" und beginnt mit dem Zitat "In diesem Telefonat zwischen Check-in und Check-out geht es um eine der brisantesten Fragen im Kosmos des menschlichen Hin und Hers: Ehefrau oder Geliebte? Gehen oder bleiben, Seehofern oder Beckenbauern?", dessen Provenienz erst am Ende des Artikels erklärt wird.
Hanfeld zitiert kräftige Worte des Burda-Vorstands Philipp Welte (Es herrsche"auf dem journalistischen Sonnendeck des 'Stern' der Irrglaube, man habe ein höheres Entrüstungsguthaben als die 'Bunte‘. Dabei verdrängen die moralintrunkenen Hamburger Kollegen...") und wundert sich über eine Anfrage, die der Stern unbeantwortet ließ. All das sympathischerweise, ohne sich schon eine Meinung darüber gebildet zu haben, wer hier denn nun gut und wer böse ist.
"Die Lemminge haben schnell das irreführende Stichwort 'Buntegate' verbreitet", schreibt er. Wohin die Lemminge nun aber rennen sollten, das bleibt ungewiss.
"Dass Medien mal mit der ungeschriebenen Regel brechen, das Privatleben von Politikern sei privat, solange es nicht die Politik berühre, ist nicht neu. Aber wohl nie wurde ein solcher Bruch so offensiv gerechtfertigt wie jetzt. Die Frage, wohl die entscheidende, ist: Weist das in die Zukunft?", meint in ihrer lustig selbstreferentiell illlustrierten Titelstory die TAZ dazu.
| © Altpapier/ Christian Bartels |
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+++ Auf der CEBIT in Hannover traf sich gestern eine "kleine Elefantenrunde": René Obermann von der Deutschen Telekom, Mathias Döpfner und Spiegel-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron, und verkündete eine "strategische Allianz" (meedia.de). Die Telekom will nun auch so etwas wie Apple werden, also Verlagen beim Kassieren von paid content-Gebühren behilflich sein. +++ Die völlig andere Elefantenrunde, die gestern im Café der TAZ unter David Denks Gesprächsleitung das Rudi-Dutschke-Dokudrama des ZDF diskutierte, lässt sich hier audiovisuell nachverfolgen. +++ Heute abend startet wieder "Germany’s next Topmodel“ - die "unwürdigste Castingshow von allen, meint Friederike Haupt unter der Überschrift "Sender sucht Fleisch" (FAZ-Medienseite 41). +++ ProSieben verfährt halt so wie RTL mit DSDS, meint Peer Schader (BLZ): "Im Laufe der Jahre sind die Castings zur Comedy umfunktioniert worden, bei der nicht die besten, sondern die skurrilsten Sänger im Mittelpunkt stehen." +++ "An der Realität geht diese Sendung vorbei“, informiert Louisa von Minckwitz, "Chefin von Louisa Models, einer der größten Model-Agenturen in Deutschland" (KSTA). +++ "Immer mehr Menschen und Firmen", die Google "ablehnen, hassen, verklagen", bietet ftd.de zum Durchklicken an. +++ Der staatliche türkische Fernsehsender TRT wurde zu einer "Entschädigungszahlung an die Familie des im Januar 2007 ermordeten türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink" verurteilt, wegen Rufmords in einer Dokumentarsendung. +++ Dink erhielt 2006 den Henri-Nannen-Preis, über dessen diesjährige Ausgabe taz.de gestern einen bösen Bericht bot. Heute erscheint der Text leicht abgemildert (ohne die Formulierung, er sei "auf dem besten Wege, sich selbst lächerlich zu machen") in der Papier-TAZ. +++ "Es gab in zehn Jahren deutscher Castinggeschichte nur drei langfristig erfolgreiche Künstler: No Angels, Mark Medlock und Michael Hirte - und die hatten nichts mit Stefan Raab zu tun". So Edgar Berger, deutscher Sony Music-Chef, im SZ-Interview (S. 17). +++ Radio Andernach spielt seltener Songs von Bushido, Rammstein und den Böhsen Onkelz als sich seine Zielgruppe, die Soldaten der Bundeswehr, das wünschten (DPA/ TSP). +++ Die letzte "Menschen bei Maischberger"-Show sei eine "selten anarchische Sendung" gewesen, meint der TSP und das positiv. +++ Zurück zum Stern: Dessen Redakteur Hans-Martin Tillack hat nun von der EU-Betrugsbekämpfungsbehörde "Olaf“ erfahren, dass diese die 2004 (!) gegen ihn eingeleiteten Ermittlungen eingestellt hat, berichtet die FAZ: "Tillack (der auch an der jetzigen Recherche in Sachen Politikerbeschattung beteiligt ist) hatte 2002 über ein internes EU-Papier geschrieben, das von Missständen in der Europäischen Kommission handelte - auf welche die Olaf-Behörde aufmerksam gemacht worden war. Die Olaf-Leute wollten wissen, wie die Information aus ihren eigenen Reihen nach außen dringen konnte."+++
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