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Altpapier vom Montag - Virales Marketing

Veröffentlicht: 8 März 2010 09:00
Verändert : 8 März 2010 10:02

Die Schweinegrippe war nicht so schlimm, wie u.a. der Spiegel tat. Das berichtet der Spiegel. Und Bild verteidigt ihren Ruf als widerlichste Zeitung Deutschlands

Schweinegrippe doch nicht so schlimm! Große Enthüllung, die Der Spiegel in der aktuellen Ausgabe gleich vorne im in der Regel werbefreien Raum der Hausmitteilung ankündigt: "Die Angst vor einer Pandemie" sei groß gewesen, heißt es darin, auch bei Spiegel-Redakteuren sei sie angekommen, "und sie schien nicht grundlos zu sein. 'Das Welt-Virus - wie gefährlich werden die neuen Grippe-Erreger?', fragte ein Spiegel-Titel im Mai 2009."

Nun also ein Rückzieher: die "Chronik einer Hysterie" (S. 128ff.). Dafür muss dem Spiegel Respekt gezollt werden: immerhin ein Rückzieher. Den Fehler, nämlich das H1N1-Virus (im Foto rechts) zu überschätzen, machte schließlich nicht nur das Nachrichtenmagazin. Trotzdem ist der panne Aufmacher, der 2009 auf dem Höhepunkt der Panik an die Kioske kam, jeden Rückzieher wert. "Die neue Grippe aus Übersee scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein", hieß es damals. Dann waberte eine böse Vorahnung durch den Artikel, um nach zehn Seiten (!)  zu enden: "die normale Grippe erscheint bis auf weiteres noch als das größere Gesundheitsproblem" (siehe auch Altpapier von damals). Was bedeutet: Die Redaktion wusste auch damals schon, dass sie übertreibt. Das wiederum steht in der aktuellen Chronik nicht.

Da steht nur ein Absatz zur Maßlosigkeit der Medien: "Auch die Medien befördern die Angst." Wachgehalten habe diese Angst aber vor allem die Pharmaindustrie. Wäre es, nur mal so ne Frage, nicht die Aufgabe von Journalisten gewesen, nicht eins zu eins darauf hereinzufallen? Wenn jedenfalls mal wieder jemand ein Beispiel für virales Marketing sucht: Der Fall Schweinegrippe ist ideal, die Pharmaindustrie hat ganze Arbeit geleistet.

Trotzdem: Danke für die Korrektur, Spiegel. Und bis zum nächsten Panik-Titel!

Ups, was ist das? Gerade kommt die Meldung rein, unser Foto zeige gar nicht H1N1, sondern R2D2, das komische Vieh aus "Star Wars". So ein Zufall. Damit wären wir beim Thema Film: Die Oscars wurden vergeben. Wie via Twitter angekündigt, hat "Avatar" gewonnen. Allerdings nur zwei Preise. Hier die ganze Liste. Der Rest ging an Sandra Bullock, Jeff Bridges, den großen Gewinner "The Hurt Locker", Mo'Nique für "Precious", Christoph Waltz, nicht an "Das weiße Band", vor allem aber an - es ist doch immer wieder erstaunlich, was es noch alles gibt - eine Frau. Kathryn Bigelow heißt doch tatsächlich die erste Regisseurin in der Geschichte der Preisverleihung, die einen Regie-Oscar gewinnt.

Immer wieder erstaunlich ist es auch, wie erbärmlich der Journalismus von Bild ist. Vergangene Woche veröffentlichte Deutschlands nach wie vor (was - dank Chefredakteur Kai Diekmanns gut gemachtem Blog, auf das erstaunlich viele Journalisten hereinfielen wie vorher auf die Schweinegrippe - zuletzt etwas untergegangen ist) widerlichste Zeitung einen offenen Brief an Griechenlands Ministerpräsident:

"Deutschland hat zwar auch hohe Schulden - aber wir können sie auch begleichen. Weil wir morgens ziemlich früh aufstehen und den ganzen Tag arbeiten. Weil wir von unserem Gehalt immer auch einen Teil für schlechte Zeiten sparen" usw.

Ohne weitere Worte: Hier ist die Antwort eines deutschen Journalisten, dessen Vater das Pressebüro der griechischen Botschaft in Berlin leitet.

"Es sind ein paar hundert Meter Luftlinie vom Axel-Springer-Platz in Berlin bis zur griechischen Botschaft in der Jägerstraße. Wenn man also bei der Bild-Zeitung arbeiten würde und die Aufgabe hätte, die Finanzkrise in Griechenland zu beschreiben, dann könnte man – wenn man denn verschiedene Meinungen zu den Hintergründen einholen wollte – zu Fuß hingehen. Aber man müsste nicht einmal das tun, man könnte auch anrufen. Die Botschaft hat ein Pressebüro, und der Bild-Reporter könnte sich durchstellen lassen zu dem Leiter dieses Büros. Das dauert ein paar Sekunden. Und könnte schon ein paar Dinge ins Wanken bringen, die in der Bild-Zeitung in den letzten Tagen behauptet wurden."

Und: "Ich kann die Verachtung nicht in Worte fassen, die ich für die Kollegen mit ihren offenen Briefen empfinde, die sich ohne jede Recherche einen demütigenden Witz nach dem anderen aus den Fingern gesaugt haben, die sehenden Auges Vorurteile bis hin zum rassistischen Hass geschürt haben und die dabei nichts erreicht haben als den Zockern in den entsprechenden Investmentbanken noch ein bisschen in die Hände zu spielen."

PS: Nicht vergessen werden soll der offene Brief des Stern.

PPS: Und falls sich jemand für die Frage interessiert, ob R2D2 männlich oder weiblich ist: Die beantwortet selbst die TAZ im heutigen Frauentag-Spezial nicht. Ob das wohl mal jemand herausfinden könnte? Wenn er eine Frau wäre, könnte man ihn ja vielleicht nackt auf den Titel... na, ein Rechercheanreiz für Dich, Stern?!

© Altpapier/Klaus Raab

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+++ Google (1): "Neben Kohlendioxid und Ahmadinedschad ist Google auf dem besten Wege die Weltbedrohung Nummer 3 zu werden", schreibt Tim Renner bei Carta - was, vermutlich, augenzwinkernd zu verstehen ist, worauf andere Sätze wie dieser hindeuten: "Genauso wie Politiker, denen die Kultur im Internet furchtbar fremd ist, haben die Top-Manager aus der Musikindustrie aus Unwissen entschieden wie man sich im neuen Medium aufzustellen hat. Was für sie Napster und andere Tauschbörsen waren, ist für die Politik Google. Man greift sich ein offensichtliches Problem und treibt es deutlich vereinfacht als Sau durch das mediale Dorf. Das ist schon bei der Musikwirtschaft schief gegangen, denn es ignoriert die Ursachen und missversteht die Wirkung. Bei der Politik wird das nicht anders sein." +++ Google (2): Der Spiegel schreibt über die Entdeckung des Internets durch die Bundesregierung (S. 146ff.) und ihre Enquetekommission - und zitiert den Netzwerkforscher Peter Kruse"Der Kommission werde 'die Zunge auf dem Boden hängen bei dem Versuch, einem anfahrenden Zug hinterherzulaufen' (...) 'Das Netz zu verstehen kann doch nicht das Ergebnis der Kommission sein, es muss die Voraussetzung sein'" +++ Google (3): Die FTD schreibt über Demand "Google ist einer unserer wichtigsten Partner" Media und, Google (4), eine chinesische Suchmaschine, die Google doch ähnlich sieht: Goojje +++ Apropos Plagiatsverdacht: Meedia sieht in einer Formulierung von Heribert Prantl nicht das Plagiat, das - Stichwort "Heribertprantl Roadkill" - ViSdP im aktuellen PDF aufgedeckt haben will - das Ganze erinnert an den Wer-hat's-erfunden?-Streit um die Urheberschaft am Satz "Die Welt ist eine Google" +++ Meedia fasst im verlinkten Text auch nochmal eine andere Geschichte zusammen: die über den Nannen-Preis +++ Dazu: "Viel Lärm um nichts" schreibt die TAZ, die den Lärm freilich verursacht hatte ("Der Henri-Nannen-Preis ist auf dem besten Wege, sich selbst lächerlich zu machen"): Die kritisierten Beiträge sind aus dem Rennen +++ Silke Bodenbender spielt in "Eine Frage des Vertrauens" (ZDF, 20.15 Uhr) - ein Interview mit ihr steht in der FAZ (S. 31) +++ "(D)ass dieser Film ein Glücksfall geworden ist, darf man zuallererst ihr zugute halten", schreibt die Berliner Zeitung +++ Die TAZ hat dagegen einen "melodramatischen Brei" gesehen: "Wie in manchen schlechteren Filmen der "Tatort"-Reihe soll ein als gesellschaftlich relevant erkanntes Thema in 90 Minuten durchverhandelt werden, die bloße Studie einer Lebenslüge war den Machern Miguel Alexandre (Regie) und Annette Hess (Buch) nicht genug" +++ Während wiederum der Tagesspiegel eine der "besten Arbeiten des Fernsehjahres" gesehen hat +++ Und der Kölner Stadt-Anzeiger findet: "Verzweiflung ist eine Kernkompetenz des Schauspielens und kaum jemand liefert sie so glaubwürdig und intensiv wie Silke Bodenbender. Es ihre Paraderolle" +++ Ja, genau: es, Verzweiflung, ihre Paraderolle +++ Auch die Süddeutsche (S. 15) ist angetan und schreibt von "brillanten" Schauspielern +++ Und wie im FAZ-Interview mit Bodenbender geht es auch in der SZ - da allerdings in einem weiteren Text - um Scientology: Bodenbender spielt auch in einem Aussteigerfilm, der Ende März in der ARD laufen soll, doch Scientology kritisiert die Darstellung, prüfe rechtliche Schritte und verbreitet: "Es ist eine Verletzung der Programmrichtlinien der ARD, was dort verbreitet werden soll. Der Sender ist verpflichtet, religiöse Toleranz zu fördern, nicht umgekehrt." +++ Der tagesaktuelle Wirtschaftsjournalismus habe in der Krise versagt, zitiert der Spiegel eine Studie zum Thema +++ Die Münchner TZ schreibt, die Fastenpredigt am Nockherberg, die der Bayerischer Rundfunk überträgt, werde in der Wiederholung um kritisierte Passagen gekürzt +++ Auch "hart aber fair" über Missbrauch in der katholischen Kirche lief, so der Spiegel (S. 145), nicht im gewohnten Wiederholungsrhytsmus in den Dritten - wegen eines Fehlers: Eine Zuschauermail , Moderator Plasberg möge das anwesende Missbrauchsopfer fragen, ob es aus dem Missbrauch Profit schlagen wolle, wurde zunächst (aber später verbessert) als Mail des Bistums Magdeburg vorgelesen. Da war wohl der Wunsch, einen Skandal anzuzetteln, Vater des Gedankens +++ Der Freitag mit einem Vorschlag in Sachen Bunte: Katrin Schuster fordert, statt der bisherigen 7 Prozent und anders als Helmut Markwort, der 0 Prozent vorschlägt, 19 Prozent Mehrwertsteuer für Produkte wie die Bunte +++ Über türkische "Kolumnisten außer Kontrolle" - gegen Erdogan, der sie gegen sich aufgebracht hat - schreibt die SZ (S. 15) +++ Die TAZ-Medienseite schreibt über ein Männermagazin - aber eines, das eine Chefredakteurin hat  +++ Mit der Quotenmessung befassen sich Berliner und Tagesspiegel +++ Die Berliner schreibt zudem über "digitale Selbstmörder" +++ Und der Tagesspiegel über Migranten und Medien +++

 

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