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Altpapier vom Dienstag - Vorsorge und Früherkennung

Veröffentlicht: 9 März 2010 09:11
Verändert : 9 März 2010 10:05

Während den Journalismus weiterhin der Zustand des Journalismus beschäftigt, geht das Altpapier in eine Frühjahrspause.

"'Wenn eine Gruppe von Bankern hunderte Milliarden Dollar an Boni dafür kassiert, dass sie weltweit Billionen Dollar an Vermögen und hundert Millionen Arbeitsplätze vernichten, ...' (John Talbott, ehemaliger Banker von Goldman-Sachs)

'... dann wollen wir wissen, welche Rolle der Journalismus dabei gespielt hat."

Das steht wie ein Vorwort über der frisch veröffentlichten Studie "Wirtschaftsjournalismus in der Krise" (Kurzfassung) der Otto-Brenner-Stiftung. Womöglich hat der Journalismus versäumt, seine verdienten Anteile an diesen Boni zu kassieren.

Aber das zählt natürlich nicht zu den Vorwürfen, die die IG Metall-nahe Institution in kräftigen Worten ("Der tagesaktuelle deutsche Wirtschaftsjournalismus ist ein gläubiger Diener des Mainstreams", "Von Mitte des Jahres 2007 an hätten die Massenmedien ihrer Rolle als Frühwarnsystem gerecht werden können und müssen. Sie haben in dieser Frage versagt") an prominente Adressaten (DPA und ARD-Aktuell, SZ, FAZ und HB) richtet.

Aus der DPA-Chefredaktion liegt bereits eine (dafür, dass sie von der DPA stammt, sensationell lange) Entgegnung vor; bei ARD-Aktuell wird gewiss daran gearbeitet. Das könnte eine heißere Debatte werden.

Wolfgang Storz, einer der Studien-Autoren und von 2002 bis 2006 Chefredakteur der (damals noch leicht überregionalen) Frankfurter Rundschau, legte im meedia.de-Interview schon nach, verblüffte aber auch mit konstruktiven Vorschlägen. Z.B. dem, dass die ARD-"Tagesschau" ja nicht immer ein immer ähnliches Politik-Wirtschaft-Kultur-Sport-Potpourri bieten müsse. Oder:

"Wir empfehlen auch, wichtige Sachverhalte in den Medien grundsätzlich kontrovers darzustellen...", also "..., dass wir auf allen Redaktionssitzungen zu wichtigen Themen einen Advocatus diaboli einsetzen, der immer die Gegenargumente vorträgt."

Vergleichsweise entspannt sehen die "Stern"-Chefredakteure Andreas Petzold und Thomas Osterkorn, die sich gerade eines Fortsetzungs-Scoops von Lidl-esken Ausmaßen erfreuen (siehe Altpapier), die Lage.

Das Duo greift die Gelegenheit des TAZ-Interviews "über 'Buntegate'" beim Schopf, um in der Sicherheit, dass Burda-seits angedrohte Verleumdungs- und Unterlassungsklagen bis gestern nicht eingetroffen sind, zu postulieren, dass es mit Spiegel (siehe z.B. Altpapier gestern) und Focus konkurriert, aber nicht mit der Bunten.

Im von David Denk durchaus zupackend ("Können Sie nochmal klar sagen, was sie unterscheidet?") geführten Interview drücken Osterkorn und Petzold ferner geschickt den Fachbegriff "Outsourcen von Drecksarbeit" weiter ins medienöffentliche Bewusstsein (vgl. TAZ-Überschrift, kress.de). Woher der stammt? Prof. Dr. Bernhard Pörksen/ Universität Tübingen, schöpfte ihn im Stern 10/ 2010 auf der S. 48 ("Wie Betroffene, Experten und Medien auf den Stern-Bericht reagierten").

Bevor sich das Duo dann in doch etwas langweiligem Geplänkel über Voraussetzungen verliert, die Wirte vermutlich erfüllen müssen, bevor sie eine Kneipe eröffnen dürfen, problematisiert es noch rasch den Journalisten-Begriff. Die Frage "Was müsste für Sie erfüllt sein, damit jemand einen Presseausweis verdient hat?", beantwortet Petzold:

"Der müsste erstmal eine solide journalistische Ausbildung nachweisen, die zumindest gewährleistet, dass er sein Handwerk beherrscht. Ganz einfach. Denn sonst wird jeder, der behauptet, ich kann schreiben und ich greife zum Äußersten, nämlich zum Telefonhörer, damit schon zum Journalisten."

Gegen Ende dieser Aussage ist natürlich schwierige Ironie enthalten, mit der man Stern-Lesern vermutlich nicht kommen sollte. Schließlich erklärt Osterkorn das vieldiskutierte aktuelle "Vorsorge und Früherkennung"-Cover so: "Wir versuchen mit einem durchaus erotischen Bild, das wollen wir gar nicht in Abrede stellen, Interesse zu wecken für ein schwieriges Thema". Auch Petzold dementiert die offensive TAZ-Interpretation, wonach die abgebildete, mit einem Stethoskop hantierende Dame mit Selbstbefriedigung beschäftigt sei, nicht. Sondern ruft das große Vorbild in Erinnerung:

"Henri Nannen hat immer gesagt: 'Man muss die Kirche erst voll machen und dann predigen.' Und genau das machen wir."

Dass dieses ansonsten ungooglebare Zitat wirklich existiert, dafür bürgt mit Hans-Peter Siebenhaar ein wahrhaft überparteilicher Experte.

Der bloggende Medienwirtschaftsjournalist des Handelsblatt (Verlagsgruppe Holtzbrinck) verfasste den jüngsten Beitrag zur Reihe "Wozu noch Journalismus?", mit der sueddeutsche.de (Südwestdeutsche Medienholding) den Journalismus voraussichtlich so lange begleiten wird, wie es ihn noch gibt. Darin lobt er u.a. Bild und Welt (Springer-Verlag) für ihre Apple-Politik. Und verkörpert damit die vielleicht größte Koalition deutscher Publikumspresse-Verlage, die sich bislang gebildet hat. Und das mit dem Argument:

"Über Jahre hat das Management in den Verlagen auf eine falsche Strategie gesetzt. Im Online-Bereich haben die Medienunternehmen seit der Erfindung des Internets vor anderthalb Jahrzehnten ihre Inhalte verschenkt. Die Losung war einfach: Erst einmal die Kirche voll machen und dann den Klingelbeutel herum reichen. Ein Kardinalsfehler."

Die klare Analyse begangener Fehler boomt also geradezu. Ob das zur verstärkten Vermeidung von künftigen Fehlern beitragen wird, wird sich zeigen.

© Altpapier/ Christian Bartels

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Das Altpapier geht nun in eine Frühjahrspause von noch unbestimmter Dauer. Sobald feststeht, wann und wo die älteste deutsche Online-Medienkolumne wieder auftaucht, lässt sich das bei Twitter oder Facebook erfahren - oder einfach per Mail an dasaltpapier@googlemail.com.

 

 

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