Altpapier vom Montag - Bohlen, Kapitalismus, Zukunft
| Veröffentlicht: | 4 Mai 2009 09:06 |
| Verändert : | 7 Mai 2009 12:24 |
Deutschland sucht den Superstar – und bekommt Klickstrecken mit Hammer-Sprüchen. Weiteres: wie Ex-RTL-Chef Thoma die Zukunft und wie der Bertelsmann-Chef das große Ganze sieht.
Im Internet nur kurze Texte? Von wegen. 10.274 Zeichen lang ist die Analyse auf welt.de, die Annemarie Eilfelds Ausscheiden bei der RTL-Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ behandelt – sage also noch einer, Internetuser würden die tiefgehende Auseinandersetzung mit Themen nicht schätzen. Für die kleinen Leseratten, die immer noch nicht genug haben, hat welt.de sogar noch die 58 härtesten Sprüche von Dieter Bohlen recherchiert und präsentiert sie am Ende des Textes, leserfreundlich, zum Durchklicken.
Annemarie Eilfeld also. Im Halbfinale raus, nachdem sie (so welt.de) in der vergangenen Woche „erneut alle Register wirkungsvoller Öffentlichkeitsarbeit gezogen“ hatte: „Pünktlich zum Samstag posierte sie reizvoll leicht bekleidet gleich zweimal, einmal als ,Engelchen’, einmal als ,Teufelchen’, in ,Bild’.“
Christian Jakubetz nahm die Liebesgeschichte zwischen der Kandidatin und Bild zum Anlass, in seinem Blog einen Blick in Eilfelds Zukunft zu werfen, bevor sie angefangen hat:
Montag: „Exklusiv in Bild” packt Annemarie aus: So war das wirklich bei DSDS! Pikante Pointe: Sowohl Bohlen als auch Neumüller (Jurymitglieder; d.Red.) haben versucht, die dralle Blondine flachzulegen, scheiterten aber („So eine bin ich nicht!”). Man kann sich also ausmalen, woher die schlechten Bewertungen der Jury kamen.
Heute, am Montag, weiß man: Es ist sogar alles noch viel besser! Bild fordert gemeinsam mit Annemarie die Wiederholung des Halbfinals. (Am Ende des Textes präsentierte bild.de übrigens, leserfreundlich, wie man ist, am Morgen noch in einer 46-teiligen Klickstrecke Bohlens Hammer-Sprüche. Sie ist dort mittlerweile nicht mehr zu finden, aber dafür gibt es ja noch die etwas ältere 43-teilige Klickstrecke zum Thema. )
Auch Der Spiegel beschäftigt sich mit DSDS. Gut, vor allem beschäftigt er sich mit dem „Welt-Virus“ und teilt allen, die sich ohnehin schon sorgen, dass wir eines Tages vielleicht alle einmal sterben werden, mit: „Die neue Grippe aus Übersee scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein“. (Bevor die 11 Autoren des Titel-Textes am Ende der 10 Seiten Panik schließen: „…die normale Grippe erscheint bis auf weiteres noch als das größere Gesundheitsproblem“.)
Nebenbei aber, wie gesagt, ist im Spiegel auch DSDS ein Thema, auf S. 96f. – etwas weniger deskriptiv als bei welt.de, im Kölner Stadt-Anzeiger und im Tagesspiegel. Markus Brauck schreibt: „Alles, was Finanzjongleure, Top-Manager und Börsenjunkies in den letzten Jahren antrieb und was ihnen angekreidet wird, findet sich auch in dieser Show. Der schnelle Erfolg um jeden Preis. Das Fehlen langfristigen Denkens. Das Zelebrieren des puren Egoismus desjenigen, der viel Erfolg hat und viel Geld.“
Wenn man so mit Erkenntnis bestückt in sich geht, drängen sich die Fragen auf, wie es mit der Sendung weitergehen könnte – und wie es RTL geht, dem zugehörigen Sender. Prompt werden beide Fragen beantwortet. Helmut Thoma, 14 Jahre lang RTL-Chef und eine Art wandelnder Hammer-Spruch, wurde am Sonntag 70. Und „Altpapier“-Autor Christian Bartels hat ihn besucht, für die Netzeitung (Teil 1, Teil 2) und den Kölner Stadt-Anzeiger interviewt und ihm, abgesehen von Sinnsprüchen zu Themen wie Kartellrecht, Internet, Medienmärkte, Angeln und Österreich, auch ein paar Gedanken zu „Deutschland sucht den Superstar“ entlockt.
Netzeitung: Gibt es ein Muster, dass im Privatfernsehen gealterte Sendungen irgendwann ins Öffentlich-Rechtliche abwandern?
Thoma: Das passiert. "Der Bergdoktor" ist jetzt als Neuproduktion beim ZDF. Das "Schlosshotel" könnte man nochmal auflegen, das würde ein Riesenerfolg.
Netzeitung: Und eines Tages folgen Dieter Bohlen und das "Dschungelcamp"?
Thoma: Mit denen wird wahrscheinlich RTL altern. Vielleicht wird "DSDS" dann so etwas wie die "Hitparade der Volksmusik" werden.
Was fehlt, ist eine Klickstrecke mit Thomas Hammer-Sprüchen. Daher hier wenigstens eine Miniübersicht:
1.) Thoma über den ehemaligen Sat.1-Chef Roger Schawinski: "Schawinski war ein enorm wichtiger Radiopionier in der Schweiz, aber was er vom Fernsehen verstand.... Meine Güte, was er bei Sat.1 gemacht hat, war das Gegenprogramm zu ,Jugend forscht'".
Und 2.)Thoma über die frühere RTL-Serie "Ein Schloss am Wörthersee": "Was hat man mich wegen des Schlosshotels angegriffen! Die Öffentlich-Rechtlichen haben sich geradezu geschüttelt vor Abscheu, und dann haben sie es sechsmal wiederholt."
Womit nun also noch die Frage bliebe, wie es RTL geht. Bertelsmann jedenfalls, dem Konzern hinter RTL, geht es Vorstandschef Hartmut Ostrowski zufolge „nicht schlecht“ beziehungsweise „ganz ordentlich“. Da zu vermuten ist, dass der Mann in der FAZ Branchensprache spricht, erlauben wir uns mal zu übersetzen: Es geht Bertelsmann schlecht. Die FTD, über den Verlag Gruner+Jahr ebenfalls zu Bertelsmann gehörig, schreibt in einem Text über den DSDS-Vermarkter Fremantle, es gehe für Bertelsmann um die "Sicherung des eigenen Geschäfts". Und dass sich der eine oder andere Privatsender das Standbein "Werbung" angebrochen hat und auf die Genesung wartet, ist bekannt.
Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kündigte Ostrowski am Samstag „das größte Kostensenkungsprogramm in der Geschichte des Unternehmens“ an: „Mehrere 100 Millionen Euro“ sollen gespart werden.
Wobei Ostrowski auch sagt: „Operativ möchte ich für dieses Jahr einen Verlust ausschließen. Für das Ergebnis unter dem Strich kann ich die Hand aber nicht ins Feuer legen, auch wenn wir natürlich ein positives Nachsteuerergebnis anstreben.“ Was das bedeutet, kann man dann ja in jedem handelsüblichen Universitätsreader BWL nachlesen. Es bedeutet natürlich nicht: mal sehen, wo wir tricksen können.
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+++ Vielleicht ist das Thema „Fachchinesisch in Zeitungen“ auch mal eines für Wolf Schneider, den, laut taz, „Sprachpast“ (sic!, tschuldigung). Der vbloggt nun nämlich monatlich auf sueddeutsche.de, an diesem Montag um 10.30 Uhr geht es los. Noch einmal, weil es sich einfach so schön liest: Es gibt ein Wolf-Schneider-Vblog. Oder einen Vblog? Oder eine? Oder gar: ein Vlog? Schneider wird uns das gewiss beizeiten beistoßen +++ Das Beispiel der BBC treibt Erik Bettermann um, den Intendanten der Deutschen Welle: Er wolle, schreibt die Frankfurter Rundschau, über eine engere Zusammenarbeit mit ARD und ZDF das Auslandsfernsehen neu ausrichten und sagt: "Keine Rundfunkgebühren für Auslandsfernsehen und keine Steuermittel für ARD und ZDF – ich frage mich, wie lange wir an diesem Dogma festhalten können" +++ Viren, Viren, Viren, nicht nur auf dem Spiegel-Titel, sondern auch in der ARD: Die FR über das Dokudrama "Das Imperium der Viren", auch in der Süddeutschen Zeitung (S. 15) +++ Die FAZ bespricht "Die Talentprobe" im ZDF (S. 31), und die Berliner Zeitung tut das auch +++ "Polylux" ist eingestellt, also berichtet eben der Spiegel frühzeitig über Twitter (S. 94) +++ Und auch über die Pläne, vor der Bundestagswahl Fernsehduelle auszurichten (S, 91). Im Gespräch sind "Townhall Meetings", bei denen Fragen von Wählern eine Rolle spielen sollen +++ Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung empfahl am Sonntag zum Thema: "Neue Zeiten brauchen neue Fernsehformate." Denn: "Kanzlerduell kann man in diesem Jahr nur als Duell zwischen unserem Kanzlerpaar und der Öffentlichkeit verstehen, die sich einem immer reibungsloser funktionierenden großkoalitionären Machtarrangement gegenübersieht" +++ Die Süddeutsche berichtet über einen Blogger, der die britische Regierung das Fürchten lehre (S. 15 und vorübergehend bei jetzt.de) +++ Und: Neues von Stefan Aust, dem WAZ-DPA-Streit und über die innige Beziehung von Gruner+Jahr und Spiegel, am Samstag zu lesen gewesen im Hamburger Abendblatt +++
Das Altpapier stapelt sich wieder am Dienstag gegen 9 Uhr.
| © Altpapier/Klaus Raab |
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag





