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- Altpapier: Nachrichten auf einen Blick.

Altpapier vom Freitag - erlöste und weniger erlöste Seelen

Veröffentlicht: 22 Mai 2009 09:08
Verändert : 22 Mai 2009 10:35

Wenn Intellektuelle von sich selbst sprechen, ist das vielleicht unterhaltsam, aber meist nicht so intellektuell, wie sie denken. Das Altpapier weiß wie immer mehr ...

Was wir am Mittwoch außer dem feststellen mussten: Es gibt sie immer noch, die Autoren, die vorgeben, über "den Intellektuellen" zu schreiben, damit aber nur sich selbst meinen. Und währenddessen sogar glauben, der Leser röche diesen Egobraten nicht.

Da hat Adam Soboczynski mal richtig weit gefehlt. Für seinen Artikel "Der Feind als Netz" in der aktuellen Ausgabe der Zeit (und jetzt sogar auch online!) gilt leider nicht, was er jüngst dem Schriftsteller Ralf Rothmann attestierte: dass (übrigens ebenfalls ein gründliches Fehlurteil) manche Stellen von dessen neuen Roman "kunstvoll vergessen lassen, dass er diesmal nur um sich selbst kreist."

Denn was Rothmann gar nicht oft genug sagen kann, vermeidet Soboczynski wie – ja: der Teufel das Weihwasser: das Wörtchen "Ich". Deshalb spricht er auch von "typischen Feuilletonartikeln" – während tatsächlich nur von seiner eigenen Rezension des neuesten Sloterdijk-Werks die Rede ist. Eben diese haben "Leser mit technokratisch verschlüsselten Namen wie muehl500" nämlich nicht besonders freundlich kommentiert. Für Soboczynski kein Grund, sein Leben zu ändern, sondern dafür, die erste Seite des Zeit-Feuilletons zu füllen.

Die Entschlüsselung des mysteriösen Geheimnamens, mit der Soboczynski sich offensichtlich schwer tut, ist für uns alte Online-Häschen natürlich ein Leichtes. Und die wird ihm sogar gefallen, da sie seinen Vorwurf der WWW-Lust an der "Volksgemeinschaft" – "Gemeinschaft soll endlich wieder sein, wo noch Gesellschaft ist" – untermauert.

Bei "muehl500" handelt es sich, wie auf der Zeit-Website nach nur einem Klick zu erfahren ist, um einen gewissen Herrn von Mühldorfer, der dort auch seine "Neue Seelenlehre" zur Übersetzung in am besten alle Sprachen dieser Welt feilbietet (keine aufwändige Sache, denn etwa die Hälfte dieses Buches macht eine Liste bereits erlöster Seelen aus, in der sich freilich nicht nur der Verfasser selbst – "entdeckte die 3 Seelenklassen des Menschen" – findet, sondern auch so ganz und gar nicht illustre Gestalten wie Erich Ludendorff – "Wegbereiter A. Hitlers" – und Joseph Goebbels).

Doch es scheint, wir haben ein bisschen den Faden des Seriösen verloren. Passiert ja angeblich dauernd im Netz, nix für ungut also, bitten vielmals um Entschuldigung!

Vermutlich unfreiwillig unterstützt wird Soboczynski jedenfalls von Carta, wo – immerhin mit einem deutlich kleinlauteren Hinweis aufs World Wide Web – die Einstellung des Magazins SZ Wissen, das heute zum letzten Mal erscheint, was nur die Abo-Abteilung noch nicht zu wissen scheint, erklärt wird:

Wissenschaftsjournalismus liegt laut Leserforschung mit dem Readerscan-Verfahren im Trend, doch in der Summe dominieren die Geschichten mit der Maus – nach dem Motto "Wie funktioniert…", "Gefahr durch…" oder "Die Zukunft des…" Aktuell-kritische Debatten und gut recherchierte Hintergrundberichte verschwinden aus den Blättern, einfach, weil sie sich nicht an einem Tag erzählen lassen, sondern für ihr Für und Wider Kontinuität der Aufmerksamkeit brauchen. Das Internet fraktioniert das vorhandene Interesse in Spezialthemen, denen wir "followen".

Stimmt. Aber dafür gibt es schließlich das Altpapier, und das followt (oder "followet"?) heute nicht nur den selbst ernannten Intellektuellen und Seelenentdeckern, sondern fast noch lieber bizarren Live-Ticker-Sprachspielen in der FR, überwachten Bloggerinnen im Kölner Stadt-Anzeiger, bislang nie gehörten Parteien in der Jungle World sowie den Nebentätigkeiten der Anja Kohl. Gewusst wie ...

© Altpapier/Katrin Schuster

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+++ Kaum weniger unterhaltsam: das Gezerre um die Zukunft des Eurovision Song Contest formerly known as Grand Prix d´Örovision. Oder anders, mit Steffen Grimberg gesagt: "Es ist immer wieder schön, der ARD beim Verstolpern kecker Ideen zuzuschauen". Oder mit Christopher Keil: "Raab zu gewinnen und dafür ein bisschen Exklusivität abzugeben, ist natürlich ein richtiger, dynamischer und moderner Gedanke." Und von dem will die ARD deshalb noch nicht so ganz lassen. +++ Oho, Kalauer-Königin sueddeutsche.de, wenn der: "Die neue Siegerin von Germany's Next Topmodel jedenfalls lässt alle bisherigen blass aussehen" mal nicht zuviel des Schlechten ist. +++ Ähnliches dachte sich offenbar auch die Redaktion des Freitag beim Blick in die aktuelle Titanic - und schrieb ihr deswegen einen Leserbrief. +++ Miriam Meckel antwortet auf die Antwort. +++ Und weil da wieder so schön von Qualität die Rede ist, verlieren wir hier mal lieber keine weiteren Worte über die zahllosen Topmodel-Finale-"Kritiken". +++ Erwähnen vielleicht nur Michael Hanfeld, der in der FAZ (S. 37) das Format um "Scharführerin" (Alice Schwarzer) Heidi Klum als Vergleich zu "Eltern auf Probe" heranzieht und Ersterem die "wirklichen moralischen Abgründe" attestiert. +++ Aber bleiben wir doch noch kurz bei den Baby-Borrowers - weil diese Sendung heute für den schönsten Anfang verantwortlich ist, der da lautet: "Es gibt das Grundgesetz, und es gibt den privaten Fernsehsender RTL. Das geplante Format 'Erwachsen auf Probe' strapaziert einen Zusammenhang." (Joachim Huber im Tagesspiegel). +++ Irgendwie verquer dagegen: viele Worte verlieren, um festzustellen, dass ein solches Viele-Worte-Verlieren im Grunde nur kostenlose RTL-PR ist (Peer Schader auf Spiegel Online). +++ Immerhin mal was Neues: das Interview mit einer Mutter, die RTL ihr Kind auslieh (stern.de). +++ Über die Probleme und Lösungsansätze der Zeitungen im Osten Deutschlands berichtet ausführlichst der Rheinische Merkur. +++ Die NZZ wundert sich über den ausbleibenden Aufschrei der Öffentlichkeit angesichts der Entlassungswellen der Schweizer Zeitungen. +++ Bei Gruner + Jahr ist die Zukunft weiterhin unsicher: Chef Buchholz schließe auch Kurzarbeit nicht mehr aus, berichtet Meedia. +++ Der Bildblog dokumentiert detailliert die Rügen, die nicht nur die Bildzeitung wegen ihrer Winnenden-"Berichterstattung" nun bekam. +++ So einfach war das also: Man musste nur behaupten, geschwätzig zu sein, und schon hat die Stasi einen Abflug gemacht. Da war sie um einiges dümmer als der Kölner Stadt-Anzeiger, denn der hätte das Angela Merkel niemals geglaubt. +++ „Wenn das so weitergeht, zahlen wir bald noch Entschädigungen für tote deutsche Soldaten, die beim Warschauer Aufstand ums Leben kamen“, meint der polnische Ex-Premier Jaroslaw Kaczynski über den aktuellen Spiegel-Titel laut Die Presse; auch TAZ, Tagesspiegel und Spiegel Online berichten. +++ "Eines der Highlights war der Auftritt von Peter Ustinov, wenige Monate vor seinem Tod": In der Berliner Zeitung plaudert Amelie Fried über frühere und zukünftige Sendungen, in denen sie zu sehen war bzw. sein wird. +++


Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Montag gegen 9 Uhr.

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