Altpapier vom Mittwoch - wenn Journalisten husten
| Veröffentlicht: | 24 Juni 2009 09:23 |
| Verändert : | 24 Juni 2009 10:31 |
Zwischen Pony-Express und Hybrid-Zukunft: Auch wenn die Journalisten sich eifrig selbst reflektieren, finden sie Zeit, sich mit sonstigen Krisen zu beschäftigen.
Gestern abend wurde in Berlin "das Ende des Journalismus" gefeie... Pardon: diskutiert natürlich.
Eine erste Besprechung der Veranstaltung liegt dank des Internet, dieses Teufels, bereits vor (carta). Und der Journalismus geht vorerst weiter wie gewohnt. In den mediennahen Ressorts zum Beispiel mit Berichten über Diskussionen über Journalismus, zum Beispiel mit neuen Internet-Vergleichen.
Am Tag nach dem gestrigen "super Tag für die Meinungsfreiheit" (Manuel Weisbrod, einer der spickmich.de-Geschäftsführer), wird das Urteil des Bundesgerichtshofs natürlich viel kommentiert. Unter eher pädogischen Aspekten, aber auch unter solchen des Internet, dieses Teufelchens.
"Das Internet als Kneipe, Klo und Klassenzimmer", schreibt unser sprachgewaltigster Qualitätsjournalist Heribert Prantl in der Süddeutschen. Das ist, erwartungsgemäß, nicht abwertend gemeint. Er sieht das BGH-Urteil positiv, denn "es wäre seltsam, wenn eine Meinung objektiv, repräsentativ und manipulationssicher sein müsste."
Enigmatischer der Kommentar "Am Netzpranger" auf der FAZ-Seite 1. Reinhard Müller rüttelt auf: "Wer sich in das Netz begibt, kann darin umkommen" und warnt sozusagen die Karlsruher Richter, da diese ja "das letzte Wort zu Bewertungsportalen im Internet" noch nicht gesprochen haben (was SpOn auch so, aber als Gefahr für "Meinungsmacher im Web" sieht): "Im Übrigen gibt es nicht wenige Richter, die sich dagegen verwahren, mit Foto und Namen auch nur in der Zeitung zu erscheinen. Wie wäre wohl die Entscheidung über ein Portal 'Richtmich' ausgefallen?"
Damit zu den Berichten über Journalismus-Diskussionen. In Köln läuft noch das Medienforum NRW. Einen Namen als Medienkrisen-Analyst, auf den man achten sollte, machte sich dort Bundestagspräsident Norbert Lammert. Von seinen Ausführungen berichten der Tagesspiegel und naturgemäß ausführlich (bzw. lexikalisch-analytisch) der Kölner Stadtanzeiger.
Demzufolge sagte Lammert u.a.:
"Das Internet ist da, wo es sorgfältig ist, eher lexikalisch als analytisch." Und:
"Dieses neue Kommunikationsverhalten .. werde gravierende Wirkungen auf das künftige politische Urteilsvermögen der deutschen Bevölkerung haben - und zwar negative: Die 'Verdrängung des Analytisch-Politischen zugunsten des Schnellen und Unterhaltsamen'“.
Gut also, dass unsere Politiker tagtäglich in den Talkshows des Fernsehens sitzen und sich diesen Auswirkungen nach Leibeskräften entgegenstemmen.
Wenn der KStA im dazugehörigen "Leitartikel zur Medienpolitik" titelt: "Politiker sind Teil der Krise", meint er allerdings nicht derlei Politiker-Ausführungen. Sondern eher - der KStA erscheint in der umtriebigen Verlagsgruppe M DuMont Schauberg -, dass "das Wachstum regionaler deutscher Verlage durch ein veraltetes Kartell- und Pressefusionsrecht behindert" werde.
Teil der Lösung also sei die auf dem kölschen Medienforum wieder geforderte Lockerung des Pressefusionsrechts. Dazu ist der FAZ (S. 33, derzeit nicht frei online) der gute Einfall gekommen, den Bundeskartellamts-Präsidenten Bernhard Heitzer mit dieser Forderung zu konfrontieren.
Es handle sich um eine "Minderheitsmeinung", sagt Heitzer: "Es gibt einige Interessierte, die das Thema immer wieder anstoßen, aber keine Einigung unter den Verlegern. Zwei oder drei Verlage scheinen nach meinem Eindruck das Sagen zu haben und die Meinungsbildung zu bestimmen“.
Welche Verlager Heitzer unausgesprochen meint, teilt die FAZ ihren Lesern mit: "Springer und die WAZ-Gruppe, verstärkt durch Dumont Schauberg, führen das Wort." Sie dürften aber, meinen quasi FAZ und Kartellamts-Chef unisono anders als NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (siehe Handelsblatt) möchte, vorerst geringe Chancen auf Erfolg haben.
All die vielen Diskussionen über den Journalismus und sein mögliches Ende stehen unter dem Eindruck der Ereignisse in den USA. "Wenn Amerika hustet", überschreibt der TSP seinen Bericht. Daher noch zwei frische transatlantische Trouvaillen.
Amerika hustet tatsächlich in Gestalt seiner traditionsreichen Genossenschaft Associated Press (AP), die in der Krise die Preise senkt und ihre deutsche Tochter an die DDP verkaufen könnte. Die Süddeutsche bietet dazu einen ausführlichen Bericht, der auch die glorreicheren Tage Mark Twains und des Pony-Express im vorvorigen Jahrhundert nicht verschweigt.
Doch bei allem Husten hat Amerika auch immer noch frische, neue Ideen. New York Times-Chefredakteur Bill Keller ist trotz allem (Michael Naumanns Zeit-Dossier über die NYT steht inzwischen online) oder war zumindest "am Montagabend guter Dinge", berichtet Eva Schweitzer in der BLZ. Und hat vielleicht den nächsten heißen Scheiß des Journalismus entdeckt:
Die NYT habe jetzt "einen Redakteur abgestellt, der nur damit beschäftigt ist, die Twitter-Beiträge aus dem Iran auszuwerten und zu kommentieren. 'Hybrid-Journalismus' nannte Keller diese Form der Nachrichtenaufbereitung. Bei den Lesern sei das ein großer Erfolg."
| © Altpapier/ Christian Bartels |
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+++ Günther Oettinger, baden-württembergischer Ministerpräsident und Medienanalyst, der seiner Zeit womöglich öfters einfach nur voraus ist, hat sich in die Debatte um die Nebenjobs von Tom Buhrow & Co eingeschaltet (Süddeutsche). +++ "'Tagesschau‘-Sprecher waren, bevor sie 'Tagesschau‘-Sprecher wurden, nicht bekannt“, und "ihr Marktwert entstehe durch die Arbeit für den Sender", zitiert die FAZ (S.33) Oettinger. +++ Künftig will die ARD noch "stärker in Marken denken", sagte WDR-Programmdirektorin Verena Kulenkampff auf dem Kölner Medienforum (Rundschau). Da ist sie sich mit Buhrow gewiss wieder ganz nah. +++ Buhrow ist "vom Esprit her quasi der Käsekuchen unter den Journalisten", schreibt TAZ-Kriegsreporterin Silke Burmester und wirft sich gleich selbst auf den Markt der buchbaren Moderations-Journalisten. ++ "Das denkbar größte Gegenteil der Blogosphäre" oder zumindest zwei, die anders als Lichtenberg und Kafka auch heutzutage keine Blogger wären, sind jetzt auch im Netz: Goethe und Schiller. Über diese Aktion des "Münchner Computerjournalisten und Privatgelehrten" Giesbert Damaschke informiert Richard Kämmerlings in der FAZ (S. 31). +++ Englische Fußballrechte, die aus Kartellrechtsgründen nicht allesamt bei Murdoch liegen dürfen, gingen nun nicht an einen russischen Oligarchen, sondern an die Disney-Tochter ESPN (Süddeutsche). +++ "Dem Kulturradio in Deutschland geht es gut. Zehn Wellen senden rund um die Uhr..." In diesem Licht lobt die FAZ (S. 33) die Idee, "mit einem 'ARD-Radiofestival' deutschlandweit die Abendprogramme einen Sommer lang unter gemeinsame Regie zu stellen" weniger als Sparbemühung, sondern sieht sie eher aus Kulturradiomachersicht als potenziellen "Schleichweg zum Abbau föderaler Radio-Vielfalt". +++ Die sog. Experten der Medien, nun in der BLZ. +++ "Die Lektüre des stattlichen Bandes ist auf jeden Fall anregender als die meisten heutigen Sendungen in jenem Format, dessen Geschichte er beschreibt" (die FAZ über Harald Kellers "Geschichte der Talkshow in Deutschland“. +++ Was Keller indes heute empfiehlt: eine aufwühlende Arte-Sendung um 23.15 Uhr, die keine Talkshow ist. +++ Die ARD strahlt um 20.15 Uhr "eine große Wärme aus..., in der man sich 90 Minuten lang sehr gerne sonnt". Was mit Tom Buhrow? Siehe TAZ. +++ Noch was von der FAZ-Medienseite: "Die Castingshow von Oliver Kahn im chinesischen Fernsehen wartet weiter auf einen Sendeplatz. 'Helongjiang TV' im äußersten Norden des Landes hatte den Torwartwettbewerb vergangene Woche kurz vor der ersten Folge überraschend aus dem Programm genommen. Die meisten Kommentare im chinesischen Internet erklären das mit den Pekinger Zensurbehörden, die die besondere Popularität der geplanten Sendung dazu veranlasst habe, das eigentlich schon genehmigte Format einer eingehenderen Prüfung zu unterziehen."
Frisches Altpapier gibt's wieder am Donnerstag gegen 9.00 Uhr.
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5.) Deutschlandkarte: Lokalzeitungen (zeit.de)
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
Montags-Artikel
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