Altpapier vom Donnerstag - Zeit für #Zensursula
| Veröffentlicht: | 25 Juni 2009 09:14 |
| Verändert : | 25 Juni 2009 15:26 |
Am interessantesten am Zeit-Streitgespräch mit Familienministerin von der Leyen über ihr umstrittenes Gesetz: Der interessantere Teil findet online only statt.
Jetzt spricht #Zensursula. Und zwar mit Franziska Heine, also der "Internetaktivistin" (Zeit)/ "Heldin der Internetgemeinde" (DPA)/ Hauptpetentin (saschalobo.com) im Streitgespräch "über das Verbot von Kinderpornographie" (Die Zeit, S. 4) bzw. "über die Stoppschilder vor Kinderpornoseiten" (zeit.de). Bzw. in allererste Linie natürlich zu den Wählerinnen und Wählern.
Interessant sind die beiden Fassungen des Gesprächs. In der gekürzten Version in der gedruckten Zeit sprechen die Familienministerin Ursula von der Leyen und auch Franziska Heine so, wie sie auf dem dazugehörigen Foto gucken.
Also die Familenministerin mit dem aus dem Fernsehen bekannten Strahlelächeln. Sie sagt zum Beispiel:
"In einem Buchladen darf auch kein Bildband mit kinderpornografischem Material herumliegen. Das ist ganz selbstverständlich akzeptiert."
und: "Zensur in Deutschland wäre, wenn zum Beispiel das Wort 'Zensursula' verboten würde."
und: "Ich habe deshalb gegen die Vorstellung der SPD gefochten, dass automatisch die Daten aller Nutzer gespeichert werden."
Franziska Heine wiederum bringt, nachdem von der Leyen vom Buchladen redete, die vielleicht nicht top-eingängige Metapher "Sie wollen, um bei Ihrem Bild zu bleiben, bloß ein weißes Blatt Papier über das Kinderporno-Buch legen statt es aus dem Laden zu entfernen".
Und sagt Sachen wie: "Das hat niemand bestritten" und "das stimmt nicht!" (nachdem von der Leyen sagte: "Eine Onlinepetition ist mit einem Klick unterschrieben"). Heine ist eben keine Talkshow-gestählte Wahlkämpferin. Warum hat sie eigentlich, müssen sich Leser der Papier-Zeit am Ende fragen, nicht bei "Ich kann Kanzler" mitgemacht, der ZDF-Show, zu deren Nachbesprechung man acht Seiten weiterblättert?
Andererseits, liest man die deutlich längere Onlinefassung des Gesprächs, stößt man auch auf Heines Argument "Wenn die Kinderporno-Seite, die ich unterhalte, ein Stoppschild bekommt, weiß ich, dass man mir auf den Fersen ist. Mit dem Stoppschild warnen Sie die Betreiber der Seiten. Das ist Täterschutz!"
Von der Leyen entgegnet kurz darauf: "Das ist ein Killerargument gegen jegliche Form von Polizeiarbeit. Dann kann man die Strafverfolgung gleich einstellen."
Online gibt es überdies die Diskussion um polizeiliche Kriminalstatistiken zur Kinderpornografie. Heine: "Die Zahlen sind nach Aktionen des BKA massiv zurückgegangen", von der Leyen kontert mit einer UNICEF-Studie, derzufolge "jeden Tag rund 200 neue Kinderporno-Bilder ins Netz gestellt werden", und der Aussage, dass in Schweden täglich 50.000 Klicks auf solche Seiten geblockt würden...
Kurzum: Zwischen beiden Versionen des Interviews, das Heinrich Wefing (Print-Zeit, Ressort Politik) und Kai Biermann (zeit.de-Ressort Digital) führten, bestehen nicht nur Unterschiede in der reaktionellen Bearbeitung (von der Leyen print: "Der Prozess ist unverzichtbar", von der Leyen online: "Der Prozess ist ausgesprochen positiv"). Der interessantere Schlagabtausch findet online only statt, auf welcher Seite man auch steht. Das Zeitungs-Interview liest sich ziemlich langweilig.
Schon merkwürdig, warum die Zeit, die unter den Papier-Zeitungen in jeder Hinsicht die größte ist und auch in der aktuellen Ausgabe Anzeigen-gesättigt ( und durchaus kontextsensitiv: auf S. 5 wirbt ganzseitig die Telekom fürs neue iPhone, auf S.6 viertelseitig das ZDF für die Maybrit-Illner-Show), dafür nicht mehr Platz freigemacht hat.
Denn Platz genug für einen kleinen Artikel darüber, "wie die Internetgemeinde den ehemaligen SPD-Abgeordneten Jörg Tauss feiert" ist auf derselben Seite schon noch. Dieser Text über das neue Piratenpartei-Mitglied endet mit den Worten:
"Schließlich finden sich unter seinen Netz-Sympathisanten auch noch jene, die das Sammeln von Kinderpornografie für eine Lappalie halten - oder gleich für eine 'sozial kompatible Art', um 'seine Triebe zu kanalisieren'. Jede Gemeinde sucht sich den Helden, den sie verdient".
Und rundet die Diskussion über Kinderpornografie sozusagen ab, indem er die "Gemeinde" der Gegner des Gesetzes im Bild-Zeitungs-Stil final in finsteres Licht rückt.
| © Altpapier/ Christian Bartels |
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+++ Harte Fakten aus der Medienbranche im engeren Sinn: "Die Verlagsgruppe Handelsblatt streicht 150 Arbeitsplätze" (Süddeutsche). 195 Stellen im Verlag sollen gestrichen werden", würde die FAZ (S. 35) sogar sagen. +++ Das betroffene Blatt selbst befasst sich mit dem "Neuanfang bei der Markenführung" bei RTL 2. Dahinter steckt u.a. "das Markeninstrumentarium der Unternehmensberatung Roland Berger". Der ermittelte Slogan "It's fun“ war zunächst "nicht unumstritten. Doch am Ende setzte sich das englische Wort für Spaß durch. Angst vor Unverständlichkeit hat Senderchef Jochen Starke nicht. 'Fun ist sehr gängig im Deutschen. Das englische Wort ist positiver aufgeladen als das deutsche Wort Spaß', sagt er". Einen sinnlicheren Eindruck vermittelt das DWDL-Video mit Lady Gaga. +++ Zum Medien-Komplex im engeren Sinn gibt es auch 'n interessantes Interview: NRW-Medienminister Andreas Krautscheid ist gegen staatliche Pressesubventionen (im engeren Sinn). Denn er war in Frankreich: "Da haben viele Zeitungen schon zu lange das süße Gift der staatlichen Subvention genossen, und man bekommt mit, wie die Schere im Kopf arbeitet" (TAZ). +++ Was sagt der Bundesverband der deutschen Zeitungsverleger zu dem, was gestern Kartellamts-Präsident Bernhard Heitzer der FAZ über mögliche Änderungen der Pressefusionskontrolle sagte? Tagesspiegel. +++ Die WAZ feierte ihre neue Sparoffensive in Gegenwart von Peter Maffay, Felix Magath und Jean Pütz in der Essener Friedrichstraße (TAZ). +++ Während der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust Günther Oettingers Kritik an den Nebeneinkünften von ARD Moderatoren mit dem Hinweis konterte, "nicht alles, was zum Skandal gemacht werde, sei auch einer" (ebenfalls FAZ), legt Anja Reschke ihre Moderationshonorare offen (500 Euro, 1000 Euro, 2000 Euro). +++ Als die DPA gestern Pressekonferenz in Hamburg hielt, fehlte Wolfgang Büchner noch (SZ, FTD). +++ Was ging noch beim Medienforum NRW: "Jedem, der mal daran gedacht hat, deutsches Pay-TV zu abonnieren, treibt das die Tränen in die Augen", was HBO-Präsident Simon Sutton dort berichtete. Siehe FAZ (S. 35). Andere Impressionen aus Köln im FAZ-Fernsehblog. +++ Auch über Politik im Netz wurde diskutiert (KSTA). +++ Und die Grimme Online-Preise wurden verliehen. Zu den Gewinnern zählen: die Verbraucherzentrale NRW, das ZDF und carta. Herzlichen Glückwunsch! Bei der Verleihung zugegen war ksta.de. +++ Jetzt liegen auch Zeitungs-Besprechungen zur vorgestrigen Diskussion über "das Ende des Journalismus" (siehe Altpapier gestern) vor. Die Rundschau würdigt besonders, was Richard Meng, einst stellvertretender Chefredakteur der Rundschau, so sagte. Der Tagesspiegel indes Äußerungen des Tagesspiegel-Chefredakteurs Stephan-Andreas Casdorff (Rieplsches Gesetz!). +++ Es ehrt die Berliner Zeitung, dass sie nicht berichtet, obschon Brigitte Fehrle auch mit diskutierte. Stattdessen arbeitet dort Ronny Blaschke heraus, "wie einseitig die Medien über Südafrika berichten", den Spielort der nächsten Fußball-WM. Beispiel: Ein spanischer Reporter habe sich über das Ausbuhen des einzigen weißen Spielers im südafrikanischen Team gewundert. "Was er scheinbar vergaß, war ein Blick in die Statistik. Die Fans hatte den Namen ihres Lieblingsspielers gerufen: Booth." +++ Ferner (u.a.) auf der FAZ-Medienseite: ein kleines Porträt Rebekah Wades ("Mit ihren präraffaelitischen Ringellocken war die rothaarige Chefredakteurin, deren vernichtende Hausmitteilungen gefürchtet sind, bei Konzernveranstaltungen eine auffallende Erscheinung an Murdochs Seite"). +++ Zum TV-Programm: "Den meisten Zuschauern dürfte die Problematik hinreichend bekannt sein - mit so viel Musik wurde sie allerdings selten dargestellt" (TAZ über eine Arte-Doku über die "analoge Bohème", in der Sascha Lobo und Holm Friebe nicht auftreten!). "Ebenso einlässlich wie dicht", würde die FR sagen. +++ Gestern aus dem Altpapier-Fokus gerückt: das Thema Iran. Die erzwungene Ausreise von Antonia Rados und Halim Hosny (TSP). Andrian Kreyes Frage, ob sich "die sogenannte Twitter-Revolution" dort auch bei uns auswirkt (SZ). Muss einem jetzt "mulmig werden"? (Freitag). +++ " Wer im Privatfernsehen Steine verkaufen soll, kann halt nicht mit Watte werben": In diesem Sound schuf Hans Hoff ein Porträt des Pro Sieben-Moderators Matthias Opdenhövel.
Frisches Altpapier gibt's wieder am Freitag gegen 9.00 Uhr.
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Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
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