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- Altpapier: Nachrichten auf einen Blick.

Altpapier vom Freitag - Büßer gesucht!

Veröffentlicht: 3 Juli 2009 08:56
Verändert : 3 Juli 2009 10:11

Schluss mit Mythen und überkommenen Gewissheiten! Döpfner hilft Alt-´68ern auf den richtigen Weg! Und andere Schreibschwächen zum Zwecke der Lebenshilfe ...

Als hätten wir in den vergangenen Jahren und zu unserem unausgesetzten Schrecken nicht schon genug öffentlichen Selbstentblößungen beigewohnt, kommen nun auch noch Giulia Siegel und Mathias Döpfner daher und wollen ebenfalls Jury spielen. Erstere sucht einen Gefährten für sich, Zweiterer nicht weniger als Germany´s Next Top-Zukreuzekriecher.

Das hat, zugegeben, seinen Reiz, die jüngste Pressemeldung aus dem Hause Springer macht tatsächlich mal wieder einen echten Heidenspaß.

Döpfner kann offenbar nicht einmal über ein Tribunal schreiben, ohne dieses Wort in Anführungszeichen zu setzen. Der Konzern lädt also nicht zu einer Fortsetzung des Springer-Tribunals, das im Februar 1968 nach nur einem Abend vertagt wurde (waren wilde Zeiten, jaha …), sondern zu einer Fortsetzung des "Springer-Tribunals". Was immer das sein und werden soll.

Was sich Döpfner von dem Casting erwartet, sagt er wie gewohnt (vgl. seine Selbstbeschreibung als "halb Teppichhändler, halb Schöngeist") um einiges unmissverständlicher, als man das hören möchte:

"Uns ist bewusst, dass unser Haus und unsere Blätter seinerzeit journalistische Fehler gemacht haben. Wir haben dies in der Vergangenheit zugegeben und tun dies auch heute. Wir werden nichts vertuschen. Wir wünschen uns das allerdings auch von jenen, die bis heute unbeirrt an den alten Gewissheiten und Mythen festhalten."

Mit "jenen" Gewissheiten- und Mythen-Festhaltern, sind natürlich ausschließlich – man leidet bei Springer schließlich nicht an Hybris! – die "noch lebenden Beteiligten an der Vorbereitung des damaligen 'Springer-Tribunals'" gemeint. Hauptsache, die heutige, quasi aktualisierte, i.e. korrigierte Haltung dieser noch Lebenden, i.e. überhaupt Beichtfähigen, schlägt sich finanziell nieder:

"Besonders freuen würden wir uns, wenn diejenigen Wettbewerber, die seinerzeit finanziell so großzügig waren, auch diesmal wieder einen kleinen Obolus zur Unkostendeckung entrichten würden."

Da lässt sich freilich auch Thomas Schmid, mittlerweile Chef-Redakteur der Welt-Gruppe, nachdem er einst daran gescheitert war, den Grünen "auf den Weg zu einer liberalen, bürgerlichen Partei zu verhelfen" (Schmid über Schmid), nicht lumpen. Die zentralen Aussagen seiner ganz großen Neu-Historisierung finden – kaum weniger verschämt als Döpfners Gänsefüßchen – zwischen Gedankenstrichen und Klammern statt:

"Nun also zeigte sich, dass Kurras auch noch einen Nebenjob – der vielleicht sein Hauptjob war? – hatte: Er gehörte der DDR an und arbeitete als Stasi-Spitzel in West-Berlin. Grund genug, über die ganze Sache noch einmal nachzudenken.
Das geschah in unseren Publikationen – und es erstaunte doch sehr, dass eine breite Öffentlichkeit von Spiegel bis Süddeutsche Zeitung (taz natürlich, genauer: leider inbegriffen) darin nur den Versuch sahen, das Rad der Geschichte zurückzudrehen."

Doch brrr, uns graust´s vor lauter Cilicium-Designern kaum weniger als der SZ ("Teufel 1968"), der TAZ ("Dialektik des Marketing"), dem Tagesspiegel ("selbstironisch"), Meedia ("kleine Sensation") und der FAZ ("Rehabilitierung des Axel-Springer-Verlags", S.35), deswegen halten wir an dieser Stelle besser ein, um bloß keine Diskussion über dieses skandalträchtige (und vermutlich eh geklaute) Format namens "Meinungsmacher auf Probe" vom Zaun zu brechen.

Stattdessen vielleicht mal was Positives? Also, außer der Tatsache, dass Giulia Siegel "auch im Bett einen Kerl" braucht. Okay, dann eben weiter mit der Qualitätsdebatte. Oder "Qualitätsdebatte"? Egal.

Als Hoffnungsträger der Branche muss seit gestern jedenfalls einmal mehr Leo Fischer herhalten. Nicht, weil er angeblich ein Satire-Magazin "leitet", sondern weil er der Presselandschaft mit selten genug gewordener Geduld und Toleranz begegnet:

"Seit neuestem habe ich das Journal Cicero für mich entdeckt – phänomenal! Das scheint eine Art Analphabetenschule zu sein. Ich finde es aber begrüßenswert, dass Menschen mit Lese- und Schreibschwäche in unserem Medienbetrieb noch eine Chance erhalten. Das lese ich mit großem Vergnügen."

Und falls selbst das nichts hilft: Die Süddeutsche kennt da jemanden, der statt in Holzmediensärge lieber in Online-Beerdigungen investieren will. Das nennen wir mal Selbstreflektion! Oder ist´s womöglich wieder nur Propaganda in eigenem Namen? Herrje …

© Altpapier/Katrin Schuster

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+++ Nicht jeder strebt nach Korrekturen, sondern guckt im Gegenteil gerne, wie anders man früher einmal dachte: "Natürlich wäre es ridikül, die damaligen Entscheidungen der zentralen ARD-Nachrichtenredaktion von heute aus einer besserwisserischen Kritik zu unterziehen", schreibt die FAZ im zweiten Teil ihrer Serie mit dem bislang geheim gehaltenen Arbeitstitel "Tagesschau vor 20 Jahren ist eine super Sache!" (S.35). +++ Die Berliner Zeitung ahnt, was Stefan Aust bei der WAZ vorhaben könnte. +++ Und hat außerdem ein paar Informationen aus der scheint´s ganz fröhlichen Runde, die Ines Pohl aufgrund ihres Neuantritts bei der TAZ einberufen hatte. +++ Wie die Sicherheit sich selbst widerspricht: Stefan Niggemeier hat ein Problem oder vielmehr derer zwei, die sich beide zugleich jedoch nicht lösen lassen (niggemeier.de, Zeit Online). +++ Vibe ist tot! (TAZ, SPON) – es leben die Musikmagazine! (FR) +++ Schreiben nun auch mal über Twitter: die Jungle World und der Wiener Falter. +++ Wie es mit der Quotenmessung  – nachdem sie immerhin wieder funktioniert  – und der TV-Werbung weitergehen könnte, berichtet die TAZ. +++ "Premiere" ist angezählt, "um Mitternacht an diesem Freitag verschwindet nicht nur ein Name", meint dann doch etwas traurig die SZ (S. 17). Der Tagesspiegel sorgt sich mehr um die neuen Redewendungen. +++ Das Phänomen mal rundum zu fassen bekommen: Der Rheinische Merkur über Polit-Magazine, die FAZ über Debüt-Reihen im Fernsehen (S.35). +++ Den Einspruch der Hinz-und-Kunzt-Chefredakteurin gegen vielfältig geschönte Interviews, über den Zapp berichtete, kann man übrigens hier im Original (PDF!) nachlesen. +++ FC-TV hakt noch (KStA). +++ Journalismus fürs Selbststudium gibt es nun im Youtube-Reporterscenter (siehe auch NZZ). +++ Für das SZ-Magazin hat Miriam Meckel über "die Tyrannei der visuellen Publizität" als Betroffene nachgedacht. +++ Die harten Worte des Tages an die Adresse vermeintlich innovationslustiger Verlage kommen heute von Heribert Seifert (NZZ): "So bleibt derzeit der Eindruck, dass die Blog-Expansion etablierter Medien nur in Ausnahmefällen ein relevantes publizistisches Ergänzungsangebot darstellt, das oft nicht einmal attraktiv placiert ist. Zu viele uninspirierte, nur als Pflichtprogramm betriebene Blogs, die von knausrigen Verlagen vor allem als Landnahme auf einem weiteren Medienspielplatz ohne Bereitschaft zu Investition und netzspezifischem Engagement installiert werden, zeugen nicht gerade von Vitalität und journalistischer Phantasie." +++ Aus dem privaten Zugang zu Washington-Post-Redakteuren wird nun doch nichts. +++ "Ein öffentlich-rechtliches Luxusproblem eskaliert ..." in der Mediatheke der Netzeitung. +++ Etwas verspätete Rache an Nadja B./Benaissa nehmen SZ und Welt. +++ Und da werden wir dann doch schon wieder ein wenig müde: stern.de spricht mit Amelie Fried über deren neue Sendung "Die Vorleser". +++

 

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