Altpapier vom Dienstag - Wag den Raab
| Veröffentlicht: | 21 Juli 2009 08:29 |
| Verändert : | 21 Juli 2009 08:28 |
Man kann es einfach nicht allen recht machen. Heute: ARD, Zeitungsredaktionen, Blogosphäre.
Heute wird überall Stefan Raab gepriesen, wir aber wollen vorher Gabriele Bärtels loben und zuallererst Pedro Matias erwähnen.
Der ist mexikanischer Journalist und erholt sich derzeit mit Stipendium in Hamburg von einer Entführung in Mexiko. Die TAZ hat den Journalisten interviewt über die Bedingungen seiner Arbeit. Auf die Frage nach den mutmaßlichen Hintergründen seiner Entführung antwort Matias:
"Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten: von der gewöhnlichen Kriminalität bis zu den Instanzen des Bundesstaates. Es gibt immer wieder staatliche Funktionäre, die genervt von der Kritik, von der Aufdeckung von Skandalen und Fehlern sind. Der Staat und seine Instanzen üben Gewalt aus, sind Teil des Problems und sorgen mit dafür, dass der Bundesstaat unregierbar oder zumindest schlecht regierbar ist."
Das Leben als Journalist, der die hehren Ansprüche an diesen Beruf als Selbstverständlichkeit begreift, bedeutet in Mexiko also die Wahl zwischen Pest und Cholera. Wenn man es sich nicht mit den Drogenkartellen verscherzt, muss man auch noch aufpassen, dem Staat nicht in die Quere zu kommen.
Hierzulande dienen solche Berichte ja häufig dazu sich wohlzufühlen. Nicht zu unrecht, aber auch ein wenig wohlfeil. Gabriele Bärtels jedenfalls schreibt einen Text, in dem sie Ross und Reiter ihres Unbehagens nicht nennt – und dabei handelt es sich nicht um Drogenkartelle, sondern um Zeitungsredaktionen, die, wenn es gegen das Internet geht, vermutlich noch glauben würden, sie seien Qualitätszeitungsredaktionen: aus Angst davor, keine Aufträge mehr zu bekommen.
In ihrem Text auf Carta schildert Bärtels die alltägliche Verformung der Wirklichkeit zu einem medialen Märchen.
"Als ich neulich einem Frauenmagazin eine wahre Liebesgeschichte verkaufte, in der ein Politiker vorkam, war die Redakteurin begeistert. Nur eines durfte nicht sein: Der Politiker. 'Können wir nicht lieber einen Volkshochschuldozenten daraus machen?' fragte sie. So ist das in Frauenmagazinen. Die Wirklichkeit passt nicht ins Konzept, und dem Chefredakteur ist es auch egal."
Und das ist noch ein harmloseres Beispiel. Es zeigt aber recht schön, wie es um Wahrheit oder diesen eigentlich selbstverständlichen journalistischen Scheiß bestellt ist in der Realität des Geschichtenerzählens.
Deshalb kommt Gabriele Bärtels auch zu einem Satz, der aus einem Theaterstück von René Pollesch stammen könnte (der nur deshalb so selten hier auftaucht, weil er eben Theaterstücke macht, die man schlecht verlinken kann):
"Und ich soll einen Text schreiben, in dem nichts davon vorkommt, was ich an diesem Tag gesehen und gehört habe."
Bei Pollesch klingt das in seinem jüngsten Interview etwa so:
"Mir fällt das nur deshalb ein, weil ich mal einen Film gesehen habe, so eine Dreiecksgeschichte zwischen einem reichen Unternehmer, einer armen Prostituierten und einem armen Schriftsteller, wo am Ende arm und arm sich kriegen natürlich. Ich habe mich jetzt aber vorsätzlich und entgegen dem, was der Film eigentlich von mir erwartet, mit dem Unternehmer identifiziert, weil mein gelebtes Leben eher mit dem Unternehmer zu tun hat. Ich habe also den falschen Film gesehen, ich wollte meine Geschichte sehen, und meine Geschichte geht nicht gut aus."
Welche Geschichten so vorkommen können, kann man auch an den Reaktionen auf die ARD-Entscheidung sehen, nun doch mit Stefan Raab zu kooperieren für den Grand-Prix-Vorentscheid. Am besten zeigt das stern.de, wo sich beschwert wird:
"Die ARD ist geblendet und übersieht, dass die Probleme, die der Sender hat, so nicht aus der Welt zu schaffen sind."
Nun ist es zwar völlig legitim und womöglich auch gut für das, was wir Meinungsfreiheit nennen, dass der Stern (apropos: wir vermissen Bernd Gäblers Medienkolumne) nicht jubelt. Es wirkt aber so durchschaubar: Hätte der die ARD sich nicht für Stefan Raab entschieden, hätte man ihr mit dem gleichen Furor vorhalten können, dass sie verknöchert ist.
And that's the way it is, könnte man mit Walter Cronkite sagen, und vermutlich ist das auch die beste Lösung, mit so etwas wie Journalismus klar zu kommen. Aber irgendwie ist man doch auch froh, dass Hans Hoff in seinem Raab-Text für die SZ zumindest andeutet, dass das Problem der ARD woanders liegt.
"Wenn nämlich in der ARD noch so etwas wie Kompetenz in Sachen Popmusik vorhanden ist, dann bei den jungen Wellen. Die sollen, heißt es nun, dementsprechend mit von der Partie sein, wenn es um die Wahl des Kandidaten für den Eurovision Song Contest am 29. Mai 2010 in Oslo geht."
Beim KStA, der in seiner Euphorie gleich die ganze ARD Stefan Raab überantworten will (zumindest die Popmusik-Kompetenz, wie Sigmar Gabriel dereinst gesagt hätte), steckt das Bewusstsein über die hausinterne Alternative immerhin noch in Klammern:
"Aber handwerkliche Ahnung und Liebe zur Musik sollte man schon mitbringen. Und da landet man automatisch bei Stefan Raab. Denn dessen Shows sind der letzte verbliebene Platz für Popmusik in der gesamten deutschen TV-Landschaft (die Ausnahme: 'Tracks' auf Arte)."
Das Absurde ist ja, dass die riesengroße ARD in all ihren Verästelungen so vieles am besten kann, um in ihrem Hauptprogramm mit Jörg Pilawa Günther Jauch zu kopieren. Die FAZ gibt Auskunft über die pekuniären Aspekte der Vernunftehe:
"Die Kosten des Spektakels teilen sich die ARD und Pro Sieben entsprechend ihren Sendungen: Jeder bezahlt die eigenen Shows selbst, nur bei den Kulissen, welche die Sender gemeinsam nutzen wollen, werden die Kosten hälftig geteilt. Begleitet werden die Fernsehsendungen von den Popradiowellen der ARD, unter anderen NDR 2, Eins Live und SWR 3 bieten allerhand unterstützendes Programm auf."
Und ist naturgemäß auch froh, liegt doch die Entscheidung für Raab vor der "Zeitung für Deutschland" wie ein Elfmeter. Zum einen geht es gegen die ARD, die hier kritisch begleitet wird, zum anderen um die nationale Sache.
Und eben diese nationale Sache, zu der sich ARD und Raab "historisch" verbünden, wie der Tagesspiegel herausstreicht, ist die Geschichte, die bei allen Wadde-hadde-Dudda-da-Lobhudeleien nicht erzählt wird.
Weil wir alle nur darauf hoffen wollen, dass Deutschland sich in Oslo als Meister der Herzen hervortut?
| © Altpapier/Matthias Dell |
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+++ Ist es schon anti-deutsch, solch einen Kritikpunkt aufzuwerfen? Für filigrane Fragen dieser Art müsste man vermutlich die Achse des Guten befragen, die sie gern mit dem Holzhammer bearbeitet. Alan Posener ist bekanntlich nicht mehr dabei, warum erklärt er hier, während wir uns fragen, ob dieser Rausschmiss womöglich seinen Artikel über Glanz und Elend der Blogosphäre auf Welt-Online motiviert hat. So richtig werden wir das nie erfahren wie auch, ob Posener nur eher dem Glanz oder dem Elend zugeneigt ist. +++ Glänzend zeigt sich die Blogosphäre jedenfalls auf der Einnahmenseite, wie ein Artikel aus dem Wirtschaftsteil der FAZ belegt. +++ Klicks fehlen noch bei der Suchmaschine von Microsoft, obwohl gerade Hochglanz das Alleinstellungsmerkmal gegenüber Googles Nüchternheit bilden soll, wie der Tagesspiegel schreibt. Man fragt sich allerdings, was es mit dem Wettbewerb zur Gestaltung des Google-Schriftzugs für 60 Jahre Bundesrepublik auf sich hat: Kann man die wirklich am 3. Oktober feiern? +++ Die TAZ kommentiert die gestern per FTD angekündigten "Anpasssungen" bei DuMont. +++ Anachronismus oder Avantgarde: Die Hörzeitung wird in der FAZ (Seite 31) vorgestellt. +++ Die SZ fragt sich, was serbische Medien dereinst zum Bürgerkrieg beigetragen haben. +++ Welt-Online erzählt Larry Kings Memoiren nach. +++ Nicht lustig findet die Berliner User-Generated-Comedy-Content im Fernsehen. +++ Ein paar Fernsehtipps gefällig? Die FR bemängelt an Bianca Bodaus Dokumentarfilm "Frohe Zukunft" über beschädigte Biografien in Ostdeutschland, dass man sie nicht versteht, wenn man nicht daher kommt. +++ Die Berliner meint dagegen, der Film sei wunderbar, wenn man sich auf das "Puzzle" einlässt. +++ Die FR lobt einen vom ZDF beschnittenen Film über das Bankwesen. +++
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Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag





