Altpapier vom Freitag - Heilige Verantwortung
| Veröffentlicht: | 14 August 2009 09:03 |
| Verändert : | 14 August 2009 10:38 |
Premium oder Freemium? In jedem Fall tödlich: das Programm des Wallace Souza. Außerdem heute mit dabei: Lenin, Döpfner und die Antarktis.
Das wäre natürlich schön, wenn jetzt und hier an dieser Stelle der Satz zu lesen wäre: "Auch heute wird wieder und weiter über die journalistische Qualität nachgedacht." Soweit kommt´s jedoch nicht. Der korrekte Satz lautet nämlich: Auch heute wird wieder und weiter über die Kommerzialisierbarkeit des Journalismus nachgedacht.
Wobei manch einer das Nachdenken längst beendet hat und stattdessen tätlichste Taten folgen ließ. Wallace Souza lautet der Name (im Bild der Mann mit dem erhobenen Zeigefinger), den man sich besser ganz besonders gut merken sollte. "Mörderische Quote" titelt die Berliner Zeitung über den brasilianischen Moderator, denn es sieht arg danach aus, dass der ehemalige Polizist die Inhalte seiner Law-and-Order-Show selbst kreiert hat.
Damit sein Kamerateam am Tatort lauthals "Erster!" brüllen konnte, organisierte er die Morde offenbar lieber in eigener Regie als auf die für ihn glücklichen Zufälle zu warten: In mindestens fünf Fällen soll er Auftragskiller engagiert haben, um sein Programm mit Content aufzupeppen. So einfach kann also Fernsehen sein.
In Deutschland, das hat die nicht mehr ganz neue Chefin des nicht mehr ganz neuen Senders Das Vierte mittlerweile erkannt, laufen die Dinge anders als in den USA. Darauf muss man sich dann eben einstellen. Oder anders bzw. in ihren dwdl-Interview-Worten:
"Schon Lenin sagte: Man kann nicht in einer Gesellschaft leben und frei von dieser Gesellschaft sein."
Nicht dass Elena Fedorova keine Verbesserungsvorschläge hätte. Im Gegenteil:
"Warum sollte, zum Beispiel, nicht ein kleiner, prozentualer Anteil der GEZ-Gebühren dazu genutzt werden, die Sender bei den hohen Kosten der Distribution zu unterstützen und damit für die Sicherung der Vielfalt in Deutschland zu sorgen?"
Ja, warum eigentlich nicht? Dann hätte – nur so ein Beispiel – vielleicht auch der Sender Neun Live weniger Probleme, als er gerade hat. Auch wenn er natürlich keinesfalls davon ausgehen könnte, dass die öffentliche Hand ihre Initiative in dem Fall als ähnlich privat begreifen würde wie bei der Hypo Real Estate. Daher rührt wohl auch Mathias Döpfners apodiktisches Urteil im Gespräch mit der FAZ (frei online nur als Vorankündigung: "Das komplette Interview mit Mathias Döpfner lesen Sie am Freitag in der F.A.Z." Update 10.30 Uhr: nun kann man´s auch online lesen):
"Staatshilfen im Sinne punktueller Subventionen oder Staatsbeteiligungen wären der absolute Sündenfall des freien, unabhängigen Journalismus."
Die religiöse Rhetorik hat einen leidlich profanen Grund, Döpfner stellt in der FAZ sein Freemium-(siehe Altpapier von gestern)Konzept vor: "Sämtliche Inhalte auf Smartphones werden wir auf Dauer gegen Gebühr anbieten. Das mobile Endgerät, das Handy, kann am ehesten die Zeitung der Zukunft sein." Schließlich, so der RHJ-Aufsichtsrat weiter, haben "wir als Verleger […] geradezu eine heilige Verantwortung, alles zu versuchen, um eine Wirtschaftsgrundlage für die digitale Welt zu schaffen."
Ob der AtkaXpress (Redaktionsstandort: 70°39´S, 08°15´W, alle Ausgaben frei online) sich davon beeindrucken lassen wird? Kaum anzunehmen, denn dessen Schlussredakteur kennt den Antrieb allen Journalismus´ wahrlich besser als alle heilig-verantwortlichen Verleger, wie er dem Tagesspiegel verraten hat:
"In der Antarktis sind neun Kollegen ungefähr 300 Tage im Jahr allein. Und die haben auch ein gewisses Mitteilungsbedürfnis."
| © Altpapier/Katrin Schuster |
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TAZ, Discokugel unserer grauen Tage! Heute leuchtest Du aber gar nicht so scheckig, wie wir es gerne mögen. Die Serie TAZ vs. Leichtathletik-WM findet eine Fortsetzung und einen Beitrag aus der Kategorie Die-Parteien-sind-so-doof-die-checken-Web-2.0-ja-überhaupt-nicht hast Du außerdem im Angebot. Und der funktioniert selbstredendend wie üblich: Erst einmal brav die Notwendigkeit des Onlinewahlkampfs voraussetzen, um denen, die´s nicht können (die "grau melierten Spitzenpolitiker"), dann gehörig eins zu pusten. (Hatten wir schon gesagt, dass Journalismus so einfach sein kann? Nein? Na, dann ...) +++ Der Blick auf Zeit Online ist da deutlich ergiebiger: Die Parteien haben Google Adwords für sich entdeckt. +++ Und: Web 2.0 ist gar nicht immer so lustig, wie es aussieht. +++ Die Libération tituliert die AFP als "L’Agence France-frousse" (FR). +++ Der Guardian hat sich verspekuliert – und zwar ganz und gar nicht metaphorisch, sondern mit absolut echtem Geld. "Tatsächlich aber haben die verkorksten Währungsspekulationen fast ein Drittel zu dem Gesamtverlust in Höhe von 90 Millionen Pfund beigetragen, den die Verlagsgruppe kürzlich für das vergangene Jahr bekanntgeben musste." (SZ, S. 19) +++ Auch keine schönen Zahlen: die Ergebnisse des zweiten Sky-Quartals (HB). +++ Schon online: das SZ-Interview mit Kujau-Anwalt Kurt Groenewold. +++ Fragt man Richard David Precht übers Fernsehen und benutzt dabei die Formel "Sie als Intellektueller", dann antwortet der doch tatsächlich mit der Formel "ich als Intellektueller". Marxist ist er jedenfalls – wir hatten es geahnt – keiner: "Ein Arbeitsloser ist heute nicht mehr auf der Straße, sondern guckt Fernsehen, zappt sich durchs Programm. Diese elementare Form der Befriedigung, der Müdemachung durch visuelle Reize, durch Kicks und Ähnliches trägt zum Frieden bei. Wenn es keine Unterhaltungselektronik dieser Art gäbe, wäre die Unzufriedenheit unter den Unterprivilegierten, dem Prekariat in unserem Land viel größer. Das klingt zwar zynisch, ist aber wahr." +++ Die aktuelle TV-Schelte hat dagegen die Welt. +++ Ebenfalls keine Neuigkeit, aber muss offenbar in höflichen Abständen immer mal wieder, heute in der NZZ, gesagt werden: "Der Journalismus, das lässt sich nach diesem Einblick in die Verfasstheit der Alpha-Journalisten 2.0 festhalten, erfährt den wohl dramatischsten Umbruch seit der Erfindung des Fernsehens." +++ Neue Zeitschrift für Männer: Business Punk. Neue Zeitschrift für Frauen: Women in Business. +++ "Es ist der Versuch, aus der eigenen Suppenschüssel zu springen und zu schauen, was um uns herum noch so passiert. Hier können Bewegungen und kritische Diskussionen in ihrer Vielfalt reflektiert werden, ohne erhobenen West-Zeigefinger": Das Deutschlandradio featured Radio Glasnost (zum Lesen oder Hören). +++ Stern.de hat eine Studie des Zentrums für Türkeistudien über die Mediennutzung in Deutschland lebender Türken gelesen. Und führt als eigene Kronzeugen für die Ödnis des deutschen Programms – Tusch! – Nazan Eckes und Gülcan Kamps an. Wenn das nur die Achse des Guten nicht gehört hat – sonst wäre das deutsche Privatfernsehen vermutlich bald als Initiative des türkischen Geheimdiensts enttarnt. +++ Bis dahin aber bleibt uns nur das langweilige Deutsch-TV: Über den neuen Fall der Frau Prohacek herrscht ein wenig Uneinigkeit (FAZ, S.33/TSP/TAZ), unbedingt ansehen sollte man sich am Sonntag jedoch "Selbstgespräche" (SZ, S. 19/TAZ). +++
Frisches Altpapier gibt es wieder am Montag um 9 Uhr.
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag





