Altpapier vom Mittwoch - noch mehr Nutzernutzen
| Veröffentlicht: | 19 August 2009 09:20 |
| Verändert : | 20 August 2009 19:07 |
Ein gewaltiger Verbesserungsschub geht durch die deutsche Medienlandschaft. Außerdem: Spielt Horst Schlämmer im neuen Tarantino mit?
[Kleine Korrektur am 20.8.: Der deutsche Plural von "Community" lautet, anders als ich dachte, tatsächlich "Communitys". Danke an K. für den Hinweis, cb]
Dies könnten ganz entscheidende Tage werden im kontinuierlichen Verbesserungsprozess, in dem sich unsere Massenmedien seit ungefähr Johannes Gutenberg befinden.
Zum Beispiel das Leitmedium im deutschen Internet, Spiegel Online: Gestern abend ging der vielbeschworene Relaunch vonstatten. Und seither ist "Deutschlands erfolgreichste Nachrichtenseite im Web ... noch übersichtlicher, moderner, eleganter". Das berichtet zumindest Deutschlands erfolgreichste Nachrichtenseite im Web (wobei fairerweise gesagt werden muss, dass das gewaltige Lob in eigener Sache heute noch vor 8.00 Uhr von Position 1 auf Position 8 der Startseite herunter und dann in die Randspalte rutschte).
Auf den ersten Blick auf die Startseite erinnert das neue Spiegel Online ganz verblüffend an... an... das alte Spiegel Online. Aber man muss halt mal in die Artikel klicken, z.B. in den mit allerlei (auch externen) Links versehenen Artikel "Wie AP Wikipedia schlagen will", und mag dann erkennen, dass, wie Chefredakteur Rüdiger Ditz schreibt, die jetzt allein dem Text vorbehaltene breitere rechte Spalte "den Lesefluss vereinfacht."
Oder zumindest, dass der Relaunch offensichtlich zwei Zielen auf der Höhe der Zeit dient: einerseits mehr Inhalte aus eigenen Kanälen der Spiegel-Gruppe ("die einzigartigen Inhalten des Spiegel-Archivs mit Artikeln seit 1947", "das Beste aus Spiegel, Spiegel Online und Multimedia", also Spiegel TV) in die Webseite einzubinden.
Und andererseits deren einzelne Inhalte umso leichter in andere Kanäle einbindbar zu machen: "Mit der neuen 'Social Network'-Leiste unterhalb der Artikel können Sie schnell und einfach Freunde, Bekannte oder Kollegen in Communitys wie Facebook oder StudiVZ auf interessante Artikel oder Videos aufmerksam machen", schreibt Ditz. Stolze 16 Communitys sind solcherart klickbar.
Ferner fordert Ditz sehr nett die Nutzer auf, "sich Ihre persönliche Video-Playlist für den späteren Gebrauch zusammenstellen - zum Beispiel, wenn es Ihnen am Arbeitsplatz nicht möglich ist, Filme zu schauen".
Liegt womöglich schon ein salomonisches Urteil vor, wonach Arbeitnehmer im Büro zwar keine Online-Videos anschauen, sich aber Playlists anlegen dürfen?
Schwer zu sagen. Anders als von manchen erhofft, bietet SPON eher keine vernünftige Suchfunktion, sondern weiterhin das krude spiegel.de/wissen.
Wieauchimmer, die Konkurrenz schläft nicht. Was beim Focus, dem großen Montagsmagazin-Mitbewerber , derzeit "in der feinen Münchner Prinzregentenstraße" abgeht, weiß die Süddeutsche zu berichten:
"Am ersten September-Wochenende" wird ein "großer Plan" erwartet, wie der Focus noch fitter für die Zukunft werden soll. Im Rahmen der "Initiative Z" hätten redaktionellen Arbeitsgruppen namens "Alpha", "Omega" und "Ypsilon" Ideen erarbeitet, die zwischen "leichten Korrekturen" des bekannten Heftes und einem "gänzlich neuen Heft" lägen und jetzt kombiniert werden sollen.
Hans-Jürgen Jakobs schreibt das natürlich mit einiger Häme insbesondere für Mr. Fakten Fakten Fakten, Helmut Markwort, auf. Für die Papier-Ausgabe (S. 15) fand die Süddeutsche ein Porträtfoto der Agentur DDP, auf dem Markwort arg desperat dreinschaut, und band es knapp über dem Absatz, der mit dem Satz "Helmut Markwort, so der Stand der Dinge, kämpft um sein Lebenswerk" beginnt, in den Artikel ein.
Dagegen sieht das DPA-Foto, das den gleichen Text online illustriert, schön optimistisch-kämpferisch aus.
Und auch unsere Tageszeitungen geben den Kampf um Leser und Nutzen für ihre Nutzer noch längst nicht auf. Die Frankfurter Rundschau verblüfft heute mit einem kleinen Coup, der dem großen und beliebten Massenmedium RTL am Zeug flickt.
RTL wolle die Kreativität seiner Zuschauer ausbeuten. So ungefähr lautet der Vorwurf, wobei die FR die AGB der Aktion "Bringen Sie Günther Jauch ins Grübeln" mit der von viel Getöse begleiteten Hamburger Erklärung (siehe Altpapier) synchronisiert und so auf das Reizwort "geistiges Eigentum" kommt.
In Gestalt Hans-Jürgen Weiss' stellt sich ein namhafter Wissenschaftler für den Vorwurf zur Verfügung. Keine Frage, dass dann auf Anfrage auch der zuständige Landesmedienwächter, Reinhold Albert von der Niedersächsischen Landesmedienanstalt, gern ebenfalls in gewundenen Sätzen ("... sollte ... jedoch noch einmal überprüft werden") einsteigt.
Und die Rundschau will auch schon etwas erreicht haben mit ihrem Bericht:
"Offenbar hat allein schon die FR-Anfrage bei I & U" - der Produktonsfirma der Show - "zu Reaktionen geführt. Schlechtes Gewissen? 'Selbstverständlich', so Geschäftsführer Andreas Jaik am Dienstag zur FR, 'erhalten die Zuschauer, deren Fragen ausgewählt werden, eine kleine Belohnung.'"
| © Altpapier/ Christian Bartels |
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Spielt Schlämmer nun bei Tarantino mit? Vermutlich nicht. Jedenfalls handelt es sich bei "Inglourious Basterds" und "Isch kandidiere" um zwei unterschiedliche, eigenständige Kinofilme, die bloß beide gleichzeitig anlaufen und deren Begeleitberichterstattung daher die Feuilletons rockt. Wer, durch die Überschrift "Christoph Waltz beklagt Mittelmaß des Fernsehens" verleitet, zum welt.de-Interview mit Christoph Waltz ("Inglourious Basterds", bei "Isch kandidiere" nicht dabei) klickt, findet den Satz "Unser Fernsehen hat sich auf ein Mittelmaß eingeschossen, das mittlerweile keiner mehr verlassen kann". Und kann länger über die Frage grübeln, ob die "feinen Würzelchen", von denen öfter die Rede ist, eine Spezialität des "Café Einstein" sind. +++ "In Sachen Antisemitismus ist die Schweizer Öffentlichkeit nicht sehr sensibel", schreibt Jürg Altwegg auf der FAZ-Medienseite (derzeit nicht online), und: "Man muss nicht übersensibilisiert sein, um in dieser Kampagne die Botschaft 'Kauft nicht beim Juden' zu wittern". Es geht um ältere und aktuelle Schweizer Auseinandersetzungen zwischen dem hierzulande (Monopol, Cicero) angesehenen Ringier-Verlag und Roger Schawinski. Eine Anti-Schawinski-Karikatur, um die es geht, zeigt die Basler Zeitung über ihrem Interview mit dem dem ehemaligen Sat.1-Chef. +++ Da nun die Leichtathletik-WM läuft, erinnerte sich Marc Felix Serrao (SZ) des TAZ-Boykotts und stieß auf "im Vergleich zu ihrer sonstigen Berichterstattung ... arg verdruckste" Berichte, die die TAZ der WM am Rande widmet. Um einen PR-Coup für die neue Chefredakteurin Ines Pohl handele es sich beim Boykott nicht, weil schon die alte Chefin Bascha Mika "den Redakteuren Rückhalt signalisiert" habe. +++ Das schönste Lob ist das vergiftete. In dem Sinne nimmt sich Markus Ehrenberg (TSP) der berichtenden Leichtathletik-Reporter an. +++ "Bei so viel geballter Männlichkeit nimmt die Krise schnell Reißaus" (TAZ-Kriegsreporterin, v.a. wieder über Gruner+Jahr). +++ Am 28.Juli vermutete Peer Schader anlässlich des neuen “Jahrbuch Fernsehen” des Grimme-Instituts: "Es kann sich nur noch um wenige Tage handeln, bis Harald Keller in der 'Frankfurter Rundschau' eine ausführliche Rezension veröffentlicht". Nun sind schon über drei Wochen verstrichen, und endlich erscheint in der Rundschau ein ziemlich abgespeckte Rezension des "etwas abgespeckten, aber nach wie vor unentbehrlichen" Jahrbuchs. Verfasst wurde sie allerdings von "tpg" (vermutlich Tilman P. Gangloff, dem anderen Grimme-Instituts-Spezi). +++ Gewiss ein Thema fürs nächste “Jahrbuch Fernsehen”: Heute läuft "nach 15 Jahren und 15 Staffeln" (BLZ) die letzte Folge "Emergency Room". Im Tagesspiegel lässt Harald Keller die Serie Revue passieren und erinnert an Quentin Tarantinos Regie-Mitwirkung. +++ "Ihren Zenit hatte die Serie, die in ihren besten Tagen in Amerika auf dreißig Millionen Zuschauer und Ende der neunziger Jahre schon auf Produktionskosten von zwei Millionen Dollar pro Folge kam, aber zur Halbzeit überschritten" (Michael Hanfeld dazu in der FAZ). +++ Oliver Pocher wird bei Sat.1 als Experte "für TV, Boulevard, Sport, Politik, Musik und nicht zuletzt Schmuckdesign" auftreten (TSP). +++ Der TSP sah ferner Stefan Austs ZDF-Reportage über die Linkspartei, ohne nun allerdings eine starke Meinung zu vertreten. +++ Der KSTA indes sah eine 3sat-Dokumentation über die dramaturgische Rolle von Zigaretten in Filmen. +++ "...ein irres Erlebnis, Kerkeling im Film in einer unfassbar realistischen Roland-Pofalla-Parodie zu sehen, in der er mit immer denselben Worthülsen ein minutenlanges Fernsehinterview gibt, und einen Tag danach den Fernseher einzuschalten, um dort den echten Roland Pofalla zu sehen, der sich in den Nachrichten mit lauter Worthülsen zu dem Film äußert, in dem er parodiert wird (ohne zu merken, wie bitter diese Parodie ist)", schreibt Peer Schader wiederum über "Isch kandidiere". +++
"Lieber Horst Schlämmer, ... .... Sie sind eine Zecke am Allerwertesten der Demokratie" (Hajo Schumacher bei welt.de). +++ Um mit einem schönen oder zumindest entrückten Satz auszusteigen: "Die Tatsache, dass es meine Befürchtung bestätigt, giftet mich ein bisschen an..." (Christoph Waltz nochmal) +++
Frisches Altpapier gibt's wieder am Donnerstag gegen 9.00 Uhr.
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag





