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'Die Deutschen sollten kritischer mit Israel umgehen'

Veröffentlicht: 1 Februar 2010 19:19
Verändert : 1 Februar 2010 19:18

PARIS - Einer der bedeutendsten Wegbereiter der deutsch-französischen Aussöhnung, der Politologe Alfred Grosser, wird am Montag 85 Jahre alt. 

Keiner analysiert die beiden Nationen so genau wie der französische Publizist und Politologe, auch wenn er heute nur noch rund 30 Mal jährlich nach Deutschland reist.

"Ich beobachte heute die Dinge mehr von außerhalb und nicht mehr von innen heraus. Ich bin mehr zu einem Beobachter geworden", sagte der Historiker. Gleich ob Berater oder Beobachter, Grosser sagt weiterhin, was er denkt - auch wenn es manchmal weh tut.

Grosser sitzt hinter seinem riesigen Schreibtisch und lächelt spitzbübisch. Ein Lächeln, das zu seinem Charakter gehört, ebenso wie seine Ironie, mit der er über den neuen deutschen Außenminister Guido Westerwelle sagt, dass Paris mit ihm als Minister zufrieden sein dürfe, weil er die Verschuldung sehr hoch halte.

Geboren als deutscher Jude

Was er über das Paar Angela Merkel/Nicolas Sarkozy denke? "Mal so gesagt, ich glaube, Merkel schätzt nicht sehr, wie sich Sarkozy ihr nähert", erklärte der emeritierte Professor des Pariser Instituts für Politikwissenschaft mit demselben schelmischen Ton.

Auch in seinem hohen Alter nimmt Grosser kein Blatt vor den Mund. In seinem jüngsten Buch "Von Auschwitz nach Jerusalem" erklärt er den Deutschen, warum sie kritischer mit Israel umgehen sollen.

Der Politologe wurde 1925 als jüdischer Deutscher geboren und nahm 1937 die französische Staatsangehörigkeit an. Knapp fünf Jahre später ist er zum Katholizismus konvertiert. Mit Israels Machtanspruch will sich der Historiker jedoch nicht abfinden, auch wenn er deshalb schon seit langem als Antisemit kritisiert wird.

"Solange ein palästinensischer Staat unmöglich ist, weil die Siedlungen und die Straßen nur für Israelis sind, solange wird Israel auch nicht in Frieden leben können", erklärte der studierte Germanist.

Nur wenige Denker vertreten so konsequent ihre Überzeugungen. Doch für Grosser gibt es keine Aufklärung ohne Kritik. Wenn Grundrechte verletzt werden, dann sei es die elementarste Aufgabe unserer Ethik, gegen jegliche Entwürdigung des Menschen vorzugehen. Damals, als Frankreich in Algerien folterte und Dörfer zerstörte, habe er mit derselben Schärfe mit der er heute Israel kritisiere, die Franzosen verurteilt, erklärte er.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Sein Leben lang hat sich Grosser für die Verständigung zwischen Deutschen und Franzosen eingesetzt, in unzähligen Büchern über ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten geschrieben und den Platz Deutschlands in Europa analysiert. Stets hat der mehrfache Preisträger, er erhielt 1975 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, aber auch darauf hingewiesen, dass er Politologe sei, dass heißt jemand, der nachher erklärt, wieso man die Dinge hätte voraussehen können.

Wie wichtig Grosser für die deutsch-französische Verständigung in den letzten Jahrzehnten war, zeigen auch seine vielen Ehrungen und Auszeichnungen. Seit wenigen Monaten trägt die neue Gastprofessur für Bürgergesellschaftsforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt den Namen des berühmten Sohnes der Stadt.

Der Grenzgänger, der Wolfgang Schäuble zu seinen besten deutschen Freunden zählt, nennt sich heute "Moralpädagoge". Kritik bleibt auch weiterhin sein Geschäft: EU-Kommissar Verheugen sei ein schlechter Kommissar, weil er nur wirtschaftlich und nicht politisch denke und sein Nein zum Beitritt der Türkei ist kategorisch:

"Die Schweiz hat alle Vorteile ohne Nachteile. Und das will die Türkei auch, jedoch ohne politische Mitverantwortung", sagte der Politologe, Germanist, Historiker und - unverbesserliche Moralist.

© dpa/jj
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