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Neuer Trend: Schwarzfahren als Extremsport

Veröffentlicht: 8 Februar 2010 10:16
Verändert : 8 Februar 2010 10:16

MOSKAU - Angst vorm Schwarzfahren kennen die Russen nicht. Das illegale Reisen im öffentlichen Nahverkehr ist in Russland längst ein Volks-, für manchen sogar Extremsport.

In Internet-Foren gibt es jede Menge Tipps, wie man mit Metro oder Elektritschka, dem Vorortzug, gratis von A nach B kommt.

Immer mehr Russen klettern über hohe Zäune oder sperrige Drehkreuze, um - manchmal unter Lebensgefahr - aufs oder vom Bahngelände zu kommen.

Oder sie nehmen im Zug Reißaus vor dem Kontrolleur. Als Gründe des Schwarzfahrens oder des "Fahrens als Hase", wie die Russen sagen, gelten vor allem die hohen Preise.

'Elektritschking'

Jeder, der in einer Elektritschka etwa in Moskau oder St. Petersburg fährt, kann das sogenannte "Elektritschking" erleben: Wenn plötzlich in einem Waggon Dutzende Passagiere auf einmal aufstehen, ist meist kein Haupthaltepunkt in Sicht - sondern nur der Fahrscheinkontrolleur im anderen Waggon.

Die Passagiere treten scharenweise die Flucht nach vorn an, steigen bei der Station aus, rasen dann "wie die Hasen" auf dem Bahnsteig entlang und steigen in den bereits kontrollierten Waggon wieder ein. Das wissen freilich auch die oft weiblichen Kontrolleure. Sie können sich aber nur mit Schimpfen oder Trillerpfeifen Gehör verschaffen. Eine rechtliche Handhabe gibt es nicht.

"Zu Sowjetzeiten wäre man vor Scham im Boden versunken, heute ist das Fahren ohne Ticket im Grunde gesellschaftlich akzeptiert", sagt die 57-jährige Olga, eine frühere Ingenieurin, die täglich mit dem Vorortzug zum Reinemachen bei Privatleuten nach Moskau fährt.

Schwarzfahren als Massenprotest

Sie fährt wie viele wegen 15.000 bis 20.000 Rubel (360 bis 480 Euro) Monatsgehalt in die Hauptstadt. Bei inzwischen 150 Rubel Fahrtgeld pro Tag lohne sich das für sie aber immer weniger, sagt sie.

Allein in der Umgebung Moskaus hat die Anhebung der Fahrpreise zum Jahresbeginn etwa drei Millionen Russen kalt erwischt, wie Michail Anschakow von der Verbraucherschutzgesellschaft OSPP sagt.

Für viele seien die Kosten sogar um das Drei- bis Fünffache gestiegen. Er hofft, dass die Regierung zur Verhinderung sozialer Massenproteste nun die Preisstruktur wieder überdenke.

"Ich sehe das überhaupt nicht ein, so viel für unsere kalten, dreckigen und oft innen zerstörten Züge zu bezahlen", sagt der Student Andrej, der die Elektritschka wie viele nur "Skotowoska", Viehwaggon, nennt. Für die spätere Weiterfahrt mit der Metro hat er eine Dauerkarte seiner Großmutter dabei. Die Oma sei zu alt, um das Gratis-Ticket vom Staat selbst zu nutzen.

Für viele Russen aller Altersklassen ist das Schwarzfahren eine Art gesellschaftlicher Protest. Schuldgefühle hat kaum einer. Viele kritisieren auch einen extrem schlechten Service der oft noch wie zu Sowjetzeiten arbeitenden Bahn. Allein der Fahrscheinkauf in Russland kann eine kleine Ewigkeit dauern wegen der Schlange am Schalter.

© dpa/ch
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