Hubert Spiegel (Hg.) - Kafkas Sätze
| Veröffentlicht: | 14 Mai 2009 06:31 |
| Verändert : | 13 Mai 2009 18:20 |
RONNY FEIGENSPAN - Franz Kafka ist der meistinterpretierte Autor des 20. Jahrhunderts. 73 Autoren haben im Auftrag der FAZ ihren Lieblingssatz dieses Autors gedeutet.
Kafka ist und bleibt kompliziert. Er ist der Autor der "transzendentalen Obdachlosigkeit“ (Georg Lukács) des 20. Jahrhunderts. Nirgendwo gibt es moralische, finanzielle, religiöse oder gesellschaftliche Sicherheit für seine Helden. Jeder ist einsam. Nichts bleibt. Das ist das Gefühl der Moderne, das viele nicht erst aus dem aktuellen Hittitel der Band Silbermond kennen. Franz Kafka hat es in seiner radikalen Perspektivlosigkeit als erster formuliert.
Wagnis mit prominenten Autoren
Die FAZ rief zum 125. Todestag Kafkas 73 Autoren dazu auf, ihren Lieblingssatz aus dem Werk zu kommentieren und veröffentlichte sie einzeln im Feuilleton. Diese Wagnis an und für sich muss man schon bewundern. Denn auch die Texte über Kafka sind schwere Kost und weit entfernt von leichter und schnell lesbarer Zeitungslektüre.
Nun liegen die Aufsätze gesammelt als Buch vor. Es vereint prominente Vertreter der Literaturkritik, der Germanistik und aktuell wichtige Autoren. Marcel Reich-Ranicki beschäftigt sich mit der historischen Rolle der Juden, Hans Magnus Enzensberger mit dem "Ruhm“ in der heutigen Gesellschaft und Durs Grünbein mit der Bürokratie, zu der bei Kafka selbst Götter verpflichtet werden.
Ingo Schulze findet Parallelen zwischen den anonymen Gestalten, den "lauter niemand“ im Werk des Autoren und den heutigen "niemanden“ der Gesellschaft, den HartzIV-Empfängern "mit ihren 4,25 Euro Essengeld pro Tag“. Marcel Beyer, zuletzt für seinen Roman 'Kaltenburg' gefeiert, verquickt gar ironisch das Leben von Kafka mit dem des bekannten Zoologen und Begründers der "Tierpsychologie“ Konrad Lorenz.
Kafkaesk
Über Franz Kafka (1883 - 1924) existieren viele Klischees, die oft weiter verbreitet sind, als das Wissen über sein Werk. Geradezu sprichwörtlich sind seine Einsamkeit, der Grübelzwang, die Probleme mit seinem Vater und seine Angst vor Frauen geworden. Seitdem gibt es das Wort "kafkaesk“. Welcher andere Autor kann schon von sich behaupten, Ursache einer Wortschöpfung zu sein?
Die Beiträge zu 'Kafkas Sätzen' bedienen keines dieser Klischees. Für Kafka-Fans und Kenner ist dieses Buch ein Genuss, das in 73 Facetten Anregungen zu neuem Nachdenken bietet.
Manchmal wird man das Gefühl nicht los, dass die Autoren Deutungen aus Kafkas Texten produzieren, an die der Autor wohl im Traum nicht gedacht hat. Die Autoren berätseln z. B. die "absolute Kontrolle des mehrfachen Schriftsinns“ (Frank Schirrmacher), den "Autor als Demiurg“ (Klaus Wagenbach) und die "Kommunikationsaporie des Jahrhunderts“ (Gerhard Neumann). Das ist dann doch wieder "kafkaesk“.
Weiterhin schwierig
Wer sich erhofft hat, mit diesen kurzen Aufsätzen einen leichteren Zugang zu Kafka zu finden, wird enttäuscht. Die Beiträge sind genauso kompliziert wie die Texte von Kafka selbst. Das ist kein Manko.
Aber für Leser, die den Prager Autoren noch nicht kennen und neugierig auf Kafka sind, ist das Buch als Einstieg nicht zu empfehlen.
4 von 5 Sternen
Hubert Spiegel (Hg.) - 'Kafkas Sätze'
S. Fischer Verlag 2009, 239 Seiten, EUR 19,95.
| © Dnews.de/Ronny Feigenspan |
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