Barbi Marković - Ausgehen
| Veröffentlicht: | 4 Juni 2009 00:01 |
| Verändert : | 4 Juni 2009 09:37 |
KATRIN SCHUSTER - Die serbische Autorin hat sich Thomas Bernhards Roman 'Gehen' als Vorlage für ihren Roman angenommen. Und zwar Satz für Satz.
Die Bedeutung des Schriftstellers Thomas Bernhard, der im Jahr 1989 starb, lässt sich vielleicht am besten an den zahlreichen Nachahmern seines Stils ermessen. In Büchern zeitgenössischer Autoren trifft man nicht selten auf das Bernhard-typische Vokabular und auf Sätze, die ähnlich um sich selbst kreisen oder mehrere indirekte Reden ineinander verschachteln.
Belgrader Nachtleben
So, wie Barbara Marković den Österreicher nun für sich verwendet hat, hat man das allerdings noch nie gelesen. Die gerade einmal 29-jährige serbische Autorin nahm dessen Roman 'Gehen' als Vorlage für ihren Roman 'Ausgehen', und zwar Satz für Satz. Sie hat ihn abgeschrieben und dabei geringfügige aber wesentliche Änderungen vorgenommen: 'Ausgehen' handelt nicht vom Spazierengehen und Hosenkaufen, sondern vom Belgrader Nachtleben.
Bei Marković unterhält sich also nicht ein Ich-Erzähler mit Oehler über den verrückten Karrer, sondern eine Ich-Erzählerin mit Milica über Bojana, die das Clubben satt hat und neuerdings den Fernseher der Disco vorzieht.
Ersatzausgehen
Klingt komisch? Ist aber wahr und funktioniert hervorragend: "Jedes Ausgehen ist ein Ersatzausgehen, weil es ein wirkliches Ausgehen nicht gibt, weil das Belgrader Nachtleben wirkliches Ausgehen ausschließt, weil es wirkliches Ausgehen ausschließen muss … Kein Mensch hat Spaß am Clubben, sagt Milica jeder hat sich mit dem Belgrader Clubbing abgefunden, aber Spaß ist das keiner, hat er einmal angefangen auszugehen, sagt Milica, muss er sich bewusst oder unbewusst vormachen, dass das Clubbing ihm Spaß mache, aber in Wirklichkeit und in Wahrheit ist es ihm nichts als entsetzlich."
Dass man dieser Stadt und diesem Nachtleben nicht entkommen kann, obwohl man nichts sehnlicher wünscht als das, ist das große Thema dieses Romans. Ganz wie bei Thomas Bernhard: Nichts war diesem Schriftsteller derart zuwider wie die kulturelle Marktwirtschaft und der Applaus von allen Seiten - denen er gerade als ihr wütendster Feind nicht entkam.
[rmx]
Wie es eben so ist mit der Gesellschaftskritik: Je böszüngiger geäußert, desto begehrlicher wird sie goutiert. Dafür liefert nicht zuletzt Barbara Marković mit ihrer serbischen Bernhard-Nachdichtung einen weiteren eindrucksvollen Beweis.
Diese Aporie versucht die Autorin auch durchaus kenntlich zu machen, indem sie ihre Umschrift als "[rmx]", also: Remix, bezeichnet. Dass Marković zudem Playlists in ihren Text einstreut, betont dieses popkulturelle Moment allerdings stärker als nötig.
Das dient nur dem, der die jeweils genannten Songs kennt, und unterminiert die Sprengkraft dieses Buches. Denn "Ausgehen" ist dank des Bernhard-Stils bereits musikalisch genug, um die groteske Tristesse einer Generation auszustellen, die verzweifelt eine Stadt befeiert, deren Geschichten oft vom Krieg handeln, aber selten nur von jugendlicher Leichtigkeit.
Vier von fünf Sternen
Barbi Marković: 'Ausgehen.'
Aus dem Serbischen von Mascha Dabić.
Suhrkamp Verlag 2009, 96 Seiten, EUR 12,00.
| © Dnews.de/Katrin Schuster |
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