Die öffentlichen Journalisten
| Veröffentlicht: | 24 April 2009 23:39 |
| Verändert : | 24 April 2009 23:39 |
FIETE STEGERS - Darf ein Politik-Redakteur bei Facebook lästern?
"Gerührt. Vereidigung ist nicht gleich Vereidigung“, kommentierte die Kollegin ihren Gemütszustand während der Live-Übertragung der Amtseinführung von Barack Obama. Wir saßen aber nicht gemeinsam vor dem Fernseher. Sie war weit weg in Berlin, ihren Kommentar las ich bei Facebook. Und wer noch? Mindestens ihre 137 anderen Facebook-Freunde.
Darüber, wie offenherzig Nutzer von sozialen Netzwerken mit privaten Informationen umgehen und welche Folgen das haben kann, berichten Journalisten immer wieder (Beispiel-Klassiker: Party-Foto zerstört Bewerbungschancen). Wie sie sich selbst verhalten, wenn sie bloggen, twittern oder sich bei Facebook tummeln, haben sie aber noch kaum diskutiert.
Im Vorgarten nicht, bei Facebook schon
Eine der wenigen Ausnahmen: Ein Artikel von Stephen Myers bei Poynter Online. Er hat mit diversen Journalisten-Kollegen gesprochen, von denen die meisten sagten, sie hätten niemals "ein Obama-Schild in ihren Vorgarten gestellt oder sich einen Wahl-Aufkleber auf die Stoßstange geklebt.“ Bei Facebook hatten sie allerdings ohne solche Zurückhaltung gejubelt: "just voted for change“ oder "yes we did it“.
Politische Parteinahme - das ist für Journalisten, die Nachrichten und politische Themen bearbeiten, ein heikles Feld. Manche meinen: eine No-Go-Area. Wie objektiv kann beispielsweise ein Journalist, der Mitglied einer Partei ist, über die Pläne der Konkurrenz berichten? Natürlich ist vollkommene Objektivität eher ein Ziel als tatsächlich zu erreichen, und die meisten Journalisten können zwischen ihrer professionellen und privaten Rolle trennen.
Keine getrennten Sphären mehr
Aber wer sich als Journalist am Mitmach-Netz beteiligt, macht wie alle anderen die Erfahrung, dass hier die Grenzen zwischen bisher getrennten Sphären verschwimmen. Im richtigen Leben kennen mich Kollegen in meiner Berufsrolle, Vereinsfreunde als Sportskamerad. Im Web 2.0 treffen sie möglicherweise aufeinander. Besonders, wenn wie in den USA Facebook auch so genutzt wird wie in Deutschland Xing - als elektronisches Adressenverzeichnis im Job.
Aber wie verhält man sich, wenn der letzte Interview-Partner den Journalisten nach dem Interview gleich zu seinem Facebook-Freund erklären möchte? Höflich, aber bestimmt absagen? Oder als Freund akzeptieren, obwohl ihn meine Hobbys und Lieblingsfilme eigentlich nichts angehen?
Wie ist es anders herum, wenn auch flüchtige Besucher meines Xing-Profils sehen, dass sich unter meinen Kontakten diverse Mitglieder der CDU-Mittelstandsvereinigung befinden, aber keine einzige Gewerkschaftsvertreterin? Was ist, wenn ich in meinem Blog oder einem Twitter-Eintrag meinen Frust über ein misslungenes Interview oder eine langweilige Konferenz auslasse - und am nächsten Tag von den Betroffenen darauf angesprochen werden?
Beim Twittern ertappt
Viele Fragen, über die sich Journalisten künftig verstärkt Gedanken machen müssen. In den USA denken erste Medien schon darüber nach, wie sie dafür Ethik-Richtlinien aufstellen können. Möglichst ohne die kreative Atmosphäre des Web einzuengen, bitte - oder gar das Recht auf freie Meinungsäußerung.
Es ist übrigens auch der Fall des Chef eines deutschen Online-Mediums bekannt, der wegen "wichtiger Termine“ einen Anrufer auf später vertrösten ließ - und nur ein paar Minuten später bei Twitter belanglose Einträge postete.
| © Dnews.de/Fiete Stegers |
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