Bitte nach vorne schauen, Kollegen!
| Veröffentlicht: | 1 Mai 2009 23:59 |
| Verändert : | 1 Mai 2009 23:58 |
FIETE STEGERS - Deutschland braucht mutige Online-Verleger statt ängstlicher Besitzstandswahrer im Journalismus.
Verzeihen Sie, falls ich Folgenden ausfallend werden sollte. Eigentlich wollte sich diese Ausgabe von Meta.Media ja der wieder entfachten General-Debatte über die Auswirkungen des Internets auf die Zukunft des Journalismus widmen, Argumente beider Seiten analysieren und dann mit einer schlauen Synthese daraus auftrumpfen.
Aber das geht leider nicht. Auch wenn man normalerweise nicht jede kleine Neuerung im Web zur weltverändernden Innovation erklärt, Urheberrecht nicht per se für überflüssig hält und nicht vorhersagen möchte, wie schnell sich der Wandel der Medienlandschaft vollzieht, den wir derzeit erleben: Man kann sich in diesem Fall nur auf eine Seite schlagen, wenn man Äußerungen wie die des Zeit-Verlegers Michael Naumann hört.
Hoffen aufs "Ende des Internet-Wahns“
"Die Printmedien hätten aber nur dann eine Überlebenschance, wenn die Verleger vom Internet-Wahnsinn geheilt würden“, zitiert ihn die Süddeutsche Zeitung. Das klingt wie ein verzweifeltes Propagieren des Credos, dass Inhalte allein dadurch veredelt werden, dass sie auf Papier gedruckt werden.
Kennt Naumann die fiktive Prognose, der zufolge die New York Times eines Tages nur noch gedruckt erscheint - als elitäres Nischenmedium für die Elite und die Alten.
Die Prognose ist auch schon einige Jahre alt, und inzwischen müsste jedem Journalisten allein durch einen Blick auf die Mediennutzungsstatistiken klar geworden sein, worin die Zukunft des Journalismus liegt: in der intelligenten Kombination des neuen Leitmediums Internet mit den Stärken der traditionellen Medien. Und mit ihr ein Reservoir leider bisher noch viel zu wenig genutzter Chancen.
"Kampf der Kulturen“?
Statt sich auf die Chancen zu stürzen, melden sich eine Riege von Feuilletonisten und Leitartiklern zu Wort, die diesen Wandel nicht verstehen. Oder Angst haben. Oder beides.
In jedem Fall legen sie ein mit Unkenntnis gepaartes, fast unglaubliches Beharrungsvermögen an den Tag. Nicht nur durch den Aspekt des Urheberrechts gibt es deutsche Überschneidungen mit der parallel tobenden, ebenso durch gegenseitiges Unverständnis geprägten Debatte zwischen Politikern und Bloggern, dass manche schon von einem "Kampf der Kulturen“ sprechen.
Kein Recht auf Ignoranz
"Mit dem Netz steht eine neue Infrastruktur für eine neue Wissensökonomie bereit, der sich die klassischen Eliten in diesem Land mit großer Geste verschließen. Statt die neue Ordnung zu gestalten, pochen sie auf ihre klassischen Geschäftsmodelle“, schreibt Robin Meyer-Lucht. Es gebe aber "kein Recht auf die völlige Ignoranz neuer technologischer Mittel und die Nutzung überkommener Geschäftsmodelle: Die Medienindustrie ignoriert weite Teile der technologischen Potenziale des Internets, weil sie nicht zu ihrem Geschäftsmodell passen.“
Natürlich gibt es bei Medienmanagern und Chefredakteuren - wie bei Politikern - nun solche, die das Schlagwort Internet mit mehrjähriger Verspätung groß im Mund führen. In den meisten Fällen aber bleibt es leider bei Lippenbekenntnissen.
Trotz der ungeklärten Finanzierungsfragen, trotz der schwindenden Einnahmen bei klassischen Medien ohne im gleichen Maße steigende Einnahmen im Online-Bereich: Jetzt ist Zeit zum Experimentieren! "Es werden böse Dinge passieren, mehr Medien zumachen und Journalisten entlassen werden“, sagt Alan Rusbridger, Chefredakteur des britischen Guardian kürzlich in Berlin zu Recht.
Aber der Journalismus dürfe sich in dieser Lücke zwischen alten und neuen Medien-Modellen nicht zerquetschen lassen, so Rusbridger. "Es kommt darauf an, jetzt darüber nachzudenken, wie der Journalismus der Zukunft aussehen wird.“
Experimente statt Lippenbekenntnisse
Dazu braucht es Journalisten mit Mut zum Experimentieren, die ausprobieren, wie sich die neuen Möglichkeiten nutzen lassen, statt auf ausgetretenen Pfaden weiter zu gehen, an deren Ende irgendwann nichts mehr auf sie wartet.
Diese Neugier auf Neues und der Wunsch, eine Geschichte möglichst gut, möglichst attraktiv und für ein möglichst großes Publikum erzählen zu wollen, sollte doch eigentlich eine der Grundsäulen des Journalisten-Berufs sein.
Und es fehlen vor allen Dingen die Verleger fürs Internetzeitalter, die tatsächlich den Raum schaffen, diese neuen Wege zu betreten - auch wenn der kurzfristige Profit nicht in Sicht ist. Der Erfolg von Spiegel Online beweist, wie sich das auszahlen kann.
| © Dnews.de/Fiete Stegers |
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