Anonymisierung nicht mehr möglich
| Veröffentlicht: | 13 März 2009 14:55 |
| Verändert : | 16 März 2009 17:18 |
FIETE STEGERS - Der Amokläufer Tim K., die ermordete Familie W.: Journalistische Recherche nach privaten Informationen im Netz ist zum Standard geworden.
Direkt nach dem Amoklauf in Winnenden wühlten Journalisten und andere Neugierige im Netz: Hatte der Täter seine Tat angekündigt? Was verriet SchülerVZ über ihn? Zunächst so gut wie nichts, fasst Focus Online zusammen. Ein wenig Enttäuschung der Internet-Gemeinde klingt durch.
Im Fall einer ermordeten Familie in Bad Bramstedt war das anders: Alle Angehörigen waren im Netz aktiv, hinterließen Spuren. Der mutmaßliche Täter schrieb in seinem Blog über Probleme aufgrund einer früheren Beziehung. Die Journalisten lasen, interpretierten und schrieben ab.
Private Fotos aus dem Netz
Spurensuche in sozialen Netzwerken ist gängige Recherchepraxis geworden. Und grundsätzlich legitim. Wie aber Journalisten mit den gefundenen Informationen umgehen, wirft viele Fragen auf. Dass die Suche bei Facebook oder SchülerVZ ein eleganterer Weg als das Türklingeln bei Nachbarn ist, um an Fotos von Verbrechens- oder Unfallopfern zu kommen, ist längst bekannt. Ich halte nichts davon – nicht nur, weil dabei häufig Bildrechte missachtet werden. Wenn ein Täter sich selbst in Gewaltposen darstellt, ist die Verwendung dieser Fotos gerechtfertigt. Doch wo verläuft die Grenze? Was wäre mit einem Bild, das einen Amokläufer als 10-Jährigen zeigt?
Dass private Fotos oder Tagebuch-Notizen öffentlich gemacht werden, ist keine Neuheit des Internet-Zeitalters. Neu ist aber die umfassende, kaum rückgängig zu machende Verbreitung über das Netz. Früher konnten Betroffene immerhin hoffen, dass ein Bericht nur ein begrenztes Publikum erreichte und irgendwann in einem Zeitungsarchiv verstaubte.
Anonymisierung nur noch eine Geste
Auch die Anonymisierung von Opfern, Straftätern und anderen Betroffenen, einst journalistische Tugend, ist heute im Prinzip nur noch eine rücksichtsvolle Geste, die Qualitäts- von Gossenjournalismus scheidet. Doch eine einzige Namensnennung im Netz genügt, um Abkürzungen für jeden zu entschlüsseln. Im Fall Bad Bramstedt reicht trotz Anonymisierung ein Zitat im Artikel, um die Familien-Homepage zu finden.
Und auch wer kein eigenes Blog führt, hinterlässt kaum zu kontrollierende Spuren, über die er zu identifzieren ist: öffentlich zugängliche Suchergebnisse von privaten Community-Profilen, das Klassenfoto oder die Mannschaftliste auf der Vereinswebsite.
Welche Sorgfaltspflichten zum Schutz von Persönlichkeitsrechten sollen daher Journalisten künftig walten lassen? Höchste Zurückhaltung und Verschlüsselung von Informationen? Oder Anonymisierung ganz über Bord werfen? Fragen, die sich in Zukunft noch deutlicher stellen werden, und auf die der Journalismus noch keine klaren Antworten hat.
| © Dnews.de/Fiete Stegers |
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