rss

- Meta.Media: Nachrichten auf einen Blick.

Lasst das Volk mit Daten spielen!

Veröffentlicht: 6 Juni 2009 00:10
Verändert : 8 Juni 2009 10:08

FIETE STEGERS - Obama macht's vor: Regierungsdaten in Bürgerhände

Wer rund um Tampa Bay in Florida wohnt, kann jederzeit auf der Website der Lokalzeitung nachschauen, wer aus der Nachbarschaft in den letzten 24 Stunden mit der Polizei zu tun hatte. Schon gewöhnliche Fotogalerien sorgen im Netz beim Nutzer für eine enorme Klickmotivation ("Welches außergewöhnliche Motiv versteckt zum Teufel noch mal denn nun noch hinter Bild 68 von 249?“)

Bei TampaBay.com bekommen die Nutzer aber nicht nur die frischen Verbrecherfotos all jener gezeigt, die von der örtlichen Polizei festgenommen wurden. Wer wissen will, was der jungen Blondine, dem älteren Hispanic oder der abgehalfterten White-Trash-Dame unbestimmbaren Alters vorgeworfen wird - einen Klick später findet er alles: Delikt, Vor- und Nachname, Geburtsdatum, Größe und Gewicht der Festgenommenen. Nur die Anschriften werden von TampaBay.com nicht mitgeliefert. Wohlgemerkt handelt es sich bei den Abgebildeten um Verdächtige, die wegen Alltagsdelikten mit den Gesetzeshütern in Kontakt gekommen sind - nicht um Schwerverbrecher.

Vom PC des Sheriffs direkt ins Netz

In Deutschland wäre das datenschutzrechtlich und ethisch ein absoluter Tabubruch. Hierzulande würde eher derjenige festgenommen, der ein solches Angebot einrichtet. In Florida bekommt TampaBay.com Datensätze und Fotos direkt aus den Computern der zuständigen Behörden: Courtesy of your local sheriff's department.

Auch wenn es sich um diesem speziellen Fall um eine äußerst fragwürdige Veröffentlichung handelt, lassen zwei Dinge positiv aufhorchen. Zum einen die generelle Bereitschaft von Behörden, überhaupt irgendeine Form von Daten der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Zum anderen die genauso lobenswerte Idee von Journalisten, solche Behörden-Quellen direkt anzuzapfen und für ihr Publikum aufzubereiten.

Data.gov: Kreativwettbwerb für Mash-Up-Künstler

Künftig soll es in den USA noch einfacher sein, Behördenwissen weiter zu verarbeiten. Seit kurzem bietet die US-Regierung Informationen aus diversen Bereichen von der Bildung bis zum Umweltschutz gebündelt auf der Website data.gov an. Nicht nur zum Stöbern in sich abgeschlossenen Datenbanken, sondern ausdrücklich mit offenen Schnittstellen und der Aufforderung zum Experimentieren. Mit dem "Apps for America“ sucht die Sunlight Foundation Programmierer, die kreative Datenverarbeitung zum Nutzen der Bürger einsetzen - oder ihnen wenigstens neue Blickwinkel, wie durch das Memory der "Most Wanted“ des FBI verschaffen.

Nun haben weder die Mash-Up-Kultur von Hobby-Programmierern noch die Teilungsbereitschaft und technologische Aufgeschlossenheit bei Behörden in Deutschland den gleichen Stellenwert wie in den USA. Aber Daten stehen auch hier zur Verfügung - zumindest theoretisch. Das interaktive Parlameter des ZDF, das zeigt, wie einzelne Bundestagsabgeordnete bei wichtigen Entscheidungen abgestimmt haben, ist ein prima Beispiel dafür, wie man aus bloßen Daten einen Mehrwert schaffen kann. Das Parlameter muss aber bestimmt noch mühsam von Hand mit den Abstimmungsergebnissen gefüttert werden. Wenn mehr Journalisten solche Anwendungen ersinnen, digitale Daten von den Behörden einfordern und auf das große Beispiel Amerika verweisen - vielleicht kann das doch ein klein wenig einen Veränderungsprozess beschleunigen.

(Und, nein, dass Meta.Media diesmal einen Bogen von Verdächtigen über Schwerverbrecher zu Bundestagsabgeordneten schlägt, ist wirklich nur Zufall).

© Dnews.de/Fiete Stegers
RSS-Feed erstellen: