Gute Blogger - böse Blogger
| Veröffentlicht: | 20 Juni 2009 00:02 |
| Verändert : | 21 Juni 2009 21:58 |
FIETE STEGERS - Schizophren: Blogger im Ausland werden bejubelt, zu Hause verlacht.
Nein, was da gerade im Iran passiert, ist nicht überraschend, sondern nur konsequent. Zumindest, wenn man nur die mediale Seite der Proteste betrachtet. Dass Demonstranten auf Inszenierung und ihr internationales Medienimage setzen, ist ein alter Hut.
Blogs als Informationsmittel an der Zensur vorbei, Amateuraufnahmen von dramatischen Ereignissen, bei denen internationale Berichterstatter keine liefern können, Solidaritätsbekundungen der internationalen Netzgemeinde mit Protestierenden, Propagandaschlachten im Netz. All das gab es schon zur Genüge. Tsunami, Tibet, Myanmar, Libanon-Krieg sind nur einige Beispiele.
Eine Überraschung wäre im Gegenteil gewesen, wenn sich in der jetzigen Situation in der Blogger-Nation Iran (und ihre aktiven Exil-Internet-Community) niemand das schicke Spielzeug Twitter zunutze gemacht hätte.
Mit zweierlei Maß
Leicht schizophren ist aber wieder das Echo dieser medialen Proteste in Deutschland. Wenn im Iran oder anderen autoritären Staaten Netz-Schreiber gegängelt werden, werden sie regelmäßig in Medien, von Journalisten-Organisationen und Politikern als Internet-Dissidenten oder Online-Journalisten bezeichnet. Und werden gefeiert.
Deutsche Blogger werden dagegen immer noch häufig belächelt, für belanglos erklärt oder als gestörte Internet-Freaks behandelt. Bürgerjournalisten werden als Gefahr für die Medienqualität abgestempelt.
Sind Blogger nur dann wertvoll, wenn sie mutig gegen ein finsteres Regime anschreiben? Und lästig oder komplett überflüssig, wenn sie sich vorwiegend ihren privaten oder beruflichen Interessen widmen und sich nur gelegentlich politisch äußern, wenn ihnen etwas missfällt?
Tatsächlich haben im Iran viele Blogger auch einmal damit anfangen, über Privates zu schreiben - bis die private Meinungsäußerung auf einmal gewollt oder ungewollt politisch wurde.
Netzsperren in Iran – und in Deutschland
In großen Teilen der deutschen Netzcommunity sehen wir derzeit ein ähnliches Phänomen, ausgelöst durch die von der Bundesregierung geplante Einführung von Netzsperren gegen Kinderpornographie. Denn diese macht die Ungleichbehandlung - Jubel für wertvolle Blogger im Ausland, Missachtung für Blogger in Deutschland – vollends absurd.
Während die iranische Regierung für die Einschränkung der Meinungsfreiheit und technische Zensurmaßnahmen angeprangert wird, beschließt in Deutschland die Große Koalition, Infrastruktur für Netzfilterungen aufzubauen.
Ob das nur eine gut gemeinte, aber sinnlose Maßnahme gegen Kinderpornographie, ein erster Schritt zur Sperrung anderer unliebsamer Inhalte oder tatsächlich schon ein verfassungsgerechtlicher Dammbruch und der Beginn großflächiger Zensur ist, wie besonders vehemente Kritiker meinen – wir werden es demnächst erleben.
Ich hoffe allerdings nicht, dass zwangspolitisierte deutsche Blogger erst von ausländischen Medien als Online-Dissidenten im Kampf mit deutschen Zensurgesetzen gefeiert werden müssen, bevor die Schizophrenie hierzulande ein Ende hat. Die fundierte und seriöse Kritik vieler Blogger an den Netzsperren sollte eigentlich längst ausreichen, um ihrer pauschalen Abwertung jeglichen Boden zu entziehen.
| © Dnews.de/Fiete Stegers |
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