Schwache Ideen zur Rettung des Journalismus
| Veröffentlicht: | 26 Juni 2009 23:56 |
| Verändert : | 28 Juni 2009 15:31 |
FIETE STEGERS - Qualitätssiegel, DSL-Steuer und Gratis-Zeitungen helfen kaum jemand.
Wie den Journalismus retten? Da draußen nun mal das böse Internet längst die Spielregeln geändert hat, denken darüber derzeit viele nach.
Gut so! Neue Geschäftsmodelle der Medien sind bisher noch nicht recht in Sicht, auch unkommerzielle Ersatzmodelle nicht. Das kann nicht nur viele Journalisten den Job kosten, wie Guardian-Chef Rusbridger warnte.
Mit ihnen kann – zumindest übergangsweise – auch ein Teil der gesellschaftlichen Selbstvergewisserung und Selbstkontrolle durch die Medien wegbrechen (auch wenn da zwischen verkündetem Anspruch und Wirklichkeit oft eine gewaltige Lücke klafft).
Gratis allein bringt's nicht
Lobenswert also, wenn sich da jemand Gedanken macht. Gut gemeint ist aber bekanntlich nicht immer gleich gut gelungen. Und in letzter Zeit kam so einiges an missglückten Regulierungsideen. Etwa der Vorschlag von NRW-Ministerpräsident Rüttgers: Er will allen Neuntklässlern seines Bundeslandes eine kostenlose Zeitung bescheren.
Ob das sein Geld wert ist? Trotz seit Jahrzehnten stattfindender Unterrichtsreihen „Zeitung in der Schule“ sinkt die Zahl junger Leser. Und sie stiege wohl kaum signifikant, wenn es die Zeitung für die Schüler statt vier Wochen ein Jahr gratis gäbe. Dazu müssten altbackene Regionalzeitungen anders aussehen.
So riecht Rüttgers' Vorschlag nach Seelenstreicheln und „Auflagenkosmetik“ für die Verleger. Geld sollen sie für die verschenkten Zeitungen allerdings angeblich nicht bekommen. Wäre auch noch schöner – für Eigenwerbung müssen die Zeitungen selber zahlen.
Und so am Boden, dass sie als systemrelevante Institutionen eines Notkredits bedürften, sind sie nicht. Wenn NRW Geld ausgibt, dann sollte das Land lieber in die allgemeine Förderung von Medienkompetenz bei Jugendlichen investieren.
DSL-Abgabe – unpopulär und ungerecht
Eine Abgabe auf Internet-Anschlüsse, mit deren Erlös „sterbende Zeitungen am Leben gehalten werden sollen“: Mit diesem Vorschlag machte eine staatliche Kommission beim Nachbarn Niederlande von sich reden.
Die Deutungsweise der erbosten Kritiker des Vorschlags war allerdings nicht ganz richtig. Die Kommission wollte das Geld zwar zur Förderung von Innovationen im Journalismus allgemein verwenden, machte sich aber vornehmlich Gedanken um den gedruckten.
Die gesamte Idee war weder durchdacht noch konsequent. Und populär schon gar nicht: Eine Art GEZ-Gebühr für notleidende Verleger? Warum nicht gleich noch ein paar Euro draufschlagen für Kaufhäuser, die unter E-Commerce leiden? Mit diesem Stimmungskiller wollte auch der zuständige Minister nicht baden gehen.
Nur wo Qualität draufsteht, darf auch Qualität drin sein?
Den dritten wenig zielführenden Vorschlag präsentierte der Journalist und Politikwissenschaftler Frank Überall. In einem von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegebenen Heft plädiert er für ein freiwilliges Gütesiegel für Websites. Den Nutzern soll es mitteilen: Hier sind Qualitätsjournalisten am Werk!
Seine Sorge um (Recherche-)qualität ehrt Überall. Leider liest sich seine Schrift aber zu weiten Teilen so, als könnte diese Qualität einzig und allein durch die großen Apparate etablierter Journalismus-Institutionen erbracht werden. Das ist natürlich Quatsch. Kollaborative Recherche kann äußerst erfolgreich sein. Nicht alle, aber einige Blogger und Solo-Online-Journalisten liefern täglich großartige Inhalte.
Und die sind es am Ende, die zählen. Denn das Publikum kann sehr wohl unterscheiden, wer Gehaltvolles produziert und wer schludert. Das gilt für Neulinge, die sich einen guten Ruf erschreiben, wie für etablierte Medien, die ihren Namen im Netz ruinieren. In beiden Fällen geht’s gut ohne Qualitätssiegel.
| © Dnews.de/Fiete Stegers |
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