Piraten und PR-Palaver
| Veröffentlicht: | 10 Juli 2009 22:07 |
| Verändert : | 10 Juli 2009 22:07 |
FIETE STEGERS - Zwei heiß diskutierte Themen verdeutlichen die (Nicht-)Relevanz der Blogosphäre für die Außenwelt.
Abseits von Googles Ankündigung eines Betriebssystems dominierten zwei Themen in den letzten Tagen die deutsche Blogosphäre. An beiden lässt sich ablesen, wie und wo die ominöse Internet-Community inzwischen relevant ist und wo sie nach wie vor im eigenen Saft schmort.
Abgesehen davon, dass es "die“ Netzgemeinde ja eigentlich gar nicht gibt, wie Netzpolitik erinnert. An dieser Stelle wurde das auch schon einmal erörtert, als es um die Sympathie für die Piraten ging.
Ja, die Piratenpartei. Freibeuter für digitale Freiheitsrechte, Kämpfer gegen Überwachung und Zensur. Was für eine Woche mit überquellenden E-Mail-Fächern und andauerndem Twittergewitter müssen ihre Freizeit-Funktionäre und Mitglieder gehabt haben! Am vergangenen Wochenende hielten die Piraten ihren Bundesparteitag ab.
Keine Premiere, aber beim letzten Mal hatte der Parteitag noch fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden. Nicht so diesmal. Nach dem Erfolg bei der Europawahl stieß die Versammlung vornehmlich junger, digital versierter Herren in einem Hamburger Bürgerhaus auf großes Medieninteresse. Nicht nur Online-Medien und Zeitungen, auch ARD, ZDF und RTL schickten Reporter oder nahmen das Treffen zum Anlass, über die Partei und ihre Ziele zu berichten.
Piratendebatte: Erhitzt, aber transparent
Auch wenn sich Piraten-Anhänger über Teile der Berichterstattung ärgerten: Sie können sich freuen, dass sie deutlich ernster genommen werden als noch vor einem Monat. So weit, so gut. Wenn da nicht die Sache mit dem Piraten-Kandidaten wäre, der durch zweifelhafte Äußerungen zum Nationalsozialismus von sich reden machte. Einem Großteil der Piratenmitglieder wurden diese Ansichten erst nach dem Parteitag bekannt. Erbitterte Netzdiskussionen entbrannten. Bis der Parteivorstand sich deutlich von seinem Mitstreiter distanzierte.
Auch wenn die Partei das Glück hatte, dass nur wenige Medien den Fall als willkommenen "Weiterdreh“ der Parteitagsberichte aufgriffen und andere Stimmen vorschnell das Ende des kurzen Höhenflugs kommen sahen: Ein Paradestück von Parteimanagement durch die Freizeit-Funktionäre war die Sache trotzdem nicht.
Andersherum zeigte sie aber den Unterschied dezentraler, digitalgestützer Organisation zu professioneller Parteiführung alten Stils. Statt autoritärer Entscheidungen und Hinterzimmer-Deals war die Piraten-Debatte lebhafter, offener und transparenter. Wenn auch zu weiten Teilen überhitzt.
Keiner will "Generation Upload“ sein
Lächerlich erscheint dagegen die zweite Blog-Diskussion dieser Tage, in der die Wortmeldungen noch emotionaler waren. Ein großer Handy-Anbieter setzt für die Präsentation eine neuen Werbekampagne auf Web-2.0-Werkzeuge. Er mietet sich die dazu passsenden Blogger-Köpfe als Testimonials und versucht gleich noch eine "Generation Upload“ zu kreieren.
So what? Natürlich probieren Werbung und PR, die neuen Tools zu nutzen. Wen wundert das angesichts der Blogs, die sich rund ums Thema Medien drehen und von den entsprechenden Leuten betrieben werden? Und warum muss man sich über Details und Grundsätzliches der Kampagne derart ausführlich das Maul zerreißen? Vodafone wird bald wissen, ob es mit seinen für Normalmenschen fast völlig unbekannten Marketingfiguren Erfolg hat. Wer Vodafones Auftreten einfach nur peinlich findet, sollte das Unternehmen künftig einfach ignorieren. Wer die beteiligten Blogger für Seelenverkäufer hält, sowieso. Es gibt Relevanteres.
| © Dnews.de/Fiete Stegers |
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