Wenn Netzpolitik.org die Muskeln spielen lässt
| Veröffentlicht: | 15 August 2009 10:23 |
| Verändert : | 19 August 2009 10:01 |
FIETE STEGERS - Kreativ und entschlossen dominiert das Blog die politische Blogwelt - leider ziemlich allein.
Kreative Kritik am Lieblingsfeindbild Innenminister, am Tag nach dem Start gleich ein Beitrag im ZDF-Morgenmagazin und (fast) eine juristische Auseinandersetzung: Wieder einmal hat Netzpolitik mit einer Aktion Aufmerksamkeit erregt. Soll man sich über den Erfolg freuen - oder sich fragen, warum nicht auch einmal anderen gelingt, was die Macher dieses Berliner Blogs regelmäßig schaffen?
Aber der Reihe nach. Blog-Gründer Markus Beckedahl war die neue Wahlplakat-Serie der CDU aufgefallen. Kurze, markige bis nichtssagende Sprüche, ein schwarzrotgoldenes "wir“ und schöne Bilder - daraus ließe sich doch etwas machen, befand Beckedahl. Und rief die Leser seines Blogs zum "Remix-Wettbewerb“ auf.
Schäuble-Plakat: "Yes, we scan“
Besonders das Plakat-Motiv mit Überwachungsminister Schäuble bot Hardcore-Internet-Nutzern eine willkommene Satire-Vorlage. "Wir brachen auch so eine Firewall wie in China“ oder "Yes, we scan“ ... Fast 200 Varianten des Schäuble-Spruches trudeln innerhalb eines Tages bei Netzpolitik ein - bis hin zum Internet-Stoppschild mit dem Hinweis: "Dieses Bild enthält unzulässige politische Satire.“
Tatsächlich hielt jemand die Netzpolitk-Kampagne für unzulässig: Angela Merkels Lieblingsfotografin Laurence Chaperon, die kürzlich einen Kanzlerinnen-Bildband vorstellte, aber auch von anderen Berliner Politikern spannende und zugleich gefällige Fotos macht. Chaperone beschwerte sich bei Netzpolitik über die ungefragte Nutzung ihrer Fotos aus der CDU-Kampagne. Markus Beckedahl verteidigte sie als zulässige politische Satire und ließ sie online.
Stoppen können hätte Chaperone die Verbreitung ohnehin kaum noch: Über diverse Bild-Speicherseiten und einen Flickr-Pool verbreiteten sich immer mehr Satire-Motive, mal mehr, mal weniger gelungen. Sogar einen automatischen Generator, mit dem auch weniger Photoshop-Begabte in wenigen Sekunden ein Remix erzeugen können, gibt es schon.
Allein auf weiter Flur
Das Echo und die in diversen Kommentaren bekundete Bereitschaft anderer Blogger und Blogleser, bei einem Rechtsstreit für das Anwaltshonorar zu spenden, zeigt, welche Rolle Netzpolitik in seiner Sphäre spielt - dort, wo das Netz und die Politik aufeinander treffen und häufig genug kollidieren.
Markus Beckedahl ist ein Blogger, der auch mal in Berliner Kreisen zirkulierenden Papier zugespielt bekommt – und, wenn er es für sinnvoll hält, im Volltext veröffentlicht. Beim BKA-Gesetz wurde Netzpolitik seinerzeit damit als einer der ersten deutschen Blogs von einer Presseagentur zitiert, im Netz zählt es längst zu den am meisten gelesenen. Im Datenskandal der Deutschen Bahn versuchten die Konzernjuristen Beckedahl einzuschüchtern – vergeblich.
Die Aufzählung solcher Erfolge macht aber auch deutlich: Warum immer Beckedahl & Co? Warum gibt es nicht mehr solcher aktiven Kristallisationspunkte? Das deutsche Netz könnte sie gebrauchen.
| © Dnews.de/Fiete Stegers |
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