Grün, die Farbe des Erfolgs
| Veröffentlicht: | 6 Mai 2009 23:54 |
| Verändert : | 7 Mai 2009 09:04 |
BETTINA VESTRING - Welch ein Glück die Grünen haben! Ihre Wähler ignorieren alle Gründe, diese Partei nicht zu wählen.
In allen Umfragen stehen sie stetig bei neun oder zehn Prozent - mehr als je zuvor bei einer Bundestagswahl. Denn in Wahrheit ist Grün gar kein Parteiprogramm mehr. Grün ist ein Lebensgefühl.
So schadet es der Partei offenbar nicht, dass sich viel zu viele Chefs an der Spitze drängen. Auch auf dem Wahlparteitag an diesem Wochenende werden sich die fünf Spitzenleute aus Partei, Fraktion und Wahlkampfteam um das Rampenlicht streiten.
Unter Joschka Fischer war das einfacher. Da war klar, dass er der Leitwolf war, selbst ohne offizielles Parteiamt. Er hatte den Willen zur Macht, er hielt die Partei zusammen.
Heute dagegen mangelt es an politischem Profil. In fast vier Jahren Opposition ist es den Grünen im Bundestag nicht gelungen, deutlich zu machen, was sie anders machen würden als die Regierung. Mal stimmen sie gegen Projekte der großen Koalition, mal dafür, und mal sind sie sich auch darin noch uneins.
Hass auf die FDP
Ein schönes Beispiel bietet das Fiasko um die Verlängerung der Afghanistan-Mandate der Bundeswehr 2007. Die Grünen-Fraktion wollte zustimmen, wurde aber dann von der pazifistischen Basis bei einem eigens einberufenen Sonderparteitag zum Nein gezwungen.
Das allergrößte Problem der Grünen aber ist, dass ihnen bei dieser Bundestagswahl jede Machtperspektive fehlt. Nur in einer Ampelkoalition mit der FDP hätten sie überhaupt eine Chance, an die Regierung zu kommen. Doch selbst wenn die programmatischen Gegensätze zwischen Grünen und Liberalen überbrückt werden könnten - die grüne Basis hasst die FDP tief, reflexartig und vermutlich unüberwindlich. Alle Versuche der Grünen-Spitze, auch nur die Möglichkeit einer Ampelkoalition in das Wahlprogramm zu schreiben, endeten im Debakel.
'Avanciertes Bildungsbürgertum'
Und doch sind die Umfragen stabil. An die sechs Millionen Deutsche scheinen entschlossen, im September ihre Stimme den Grünen zu geben. Keine Schwäche, kein Fehler, keine Querele, kann sie abschrecken. Denn in den gut 30 Jahren ihrer Existenz sind die Grünen mehr geworden als eine Partei: Sie sind ein Lifestyle, sogar ein gesellschaftlich besonders erfolgreicher Lifestyle.
Franz Walter, der Göttinger Politikwissenschaftler, beschreibt den Wandlungsprozess der Partei: Vom Rebellionsmilieu 1983, als zwei Drittel der Grünen-Wähler noch ohne Erwerb waren, mutierten sie zum "Statusmilieu des avancierten Bildungsbürgertums“. Heute sind Grünen-Wähler immer noch jünger, aber auch gebildeter und wohlhabender als die Anhänger jeder anderen politischen Partei. Selbst die Wirtschaftskrise trifft sie weniger hart, weil so viele von ihnen im Staatsdienst sind. Jeder fünfte Beamte, so zeigen Umfragen, wählt grün.
Hinzu kommt ein wirklich blendendes Selbstbewusstsein. Grünen-Anhänger, so ermittelte Allensbach-Chefin Elisabeth Noelle-Neumann schon vor Jahren, sehen sich selbst als besonders tolerant, idealistisch und sozial eingestellt. Zudem schätzen sie sich als reformfreudig, intelligent und überzeugungsstark ein.
Wer wollte da nicht gerne dazu gehören? Kreuzchen genügt.
| © dnews.de/Bettina Vestring |
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