Großes europäisches Kino: Das weiße Band
| Veröffentlicht: | 14 Oktober 2009 13:10 |
| Verändert : | 15 Oktober 2009 13:16 |
THOMAS JÄNIKE - Auf einen gemütlichen Kinoabend sollte man sich nicht einstellen, wenn ein Film von Michael Haneke auf dem Spielplan steht. Aber auf einen lohnenden allemal.
'Das weiße Band' bildet da keine Ausnahme, auch wenn er sich den Anschein eines nostalgischen Heimatfilms gibt. Man muss keine Sorge haben, dass der Ausflug Hanekes nach Hollywood, wo er seinen eigenen Film 'Funny Games' noch einmal für das amerikanische Publikum neu drehen durfte, seine Gewohnheiten und den Blick für das Wesentliche entschärft hätte.
'Das weiße Band' ist ein hervorragendes Beispiel dafür, was europäisches Kino zu Leisten imstande ist, wenn - wie in diesem Fall - so viel Sachverstand und Können auf ein Projekt konzentriert wird.
Wer Wind sät ...
1913 - in einem norddeutschen Dorf ereignen sich seltsame Dinge. Zuerst verunglückt der angesehene Dorfarzt, als sein Pferd durch ein gespanntes Seil zu Fall gebracht wird. Später stirbt eine Arbeiterin bei Aufräumarbeiten im Sägewerk. Diese beiden Ereignisse lassen die anscheinend beschauliche Dorfidylle aus den Fugen geraten. Argwohn und Verdächtigungen bestimmen fortan das Gemeinwesen.
Selbst die gesellschaftliche Hackordnung des Dorfes gerät kurz ins Straucheln, als der Sohn des Gutsbesitzers während des Erntedankfestes entführt und gefoltert wird. Oberflächig bleibt alles beim Alten. Gleich unter dem Gutsbesitzerehepaar gruppieren sich Pfarrer, Arzt und Gutsverwalter als Dorfautoritäten, am unteren Ende der Hierarchie finden sich die Mägde, die Kinder und der junge und noch unerfahrene Dorflehrer, der als Einziger die Ereignisse zu deuten versteht.
Haneke versteht es meisterhaft, die Kehrseite der ins Extreme gesteigerten und dörflich geprägten Moral vor Augen zu führen. Die Leittragenden in diesem Fall sind natürlich diejenigen, die in der Dorfhierarchie die untersten Positionen einnehmen. Und diese sind es auch, die mit der ihnen eingetrichterten Gefühlskälte die Ordnung ins Wanken bringen.
Große Vorbilder
Mit seinem bestechenden schwarz-weiß und zeitweise extrem langen Einstellungen präsentiert sich der Film wie ein über zweistündiger Besuch einer Gemäldegalerie. Ob beabsichtigt oder nicht, Haneke empfiehlt sich als der einzig legitime Erbe Ingmar Bergmans. Ganz egal, was er in Zukunft noch drehen wird: 'Das weiße Band' könnte in die Filmgeschichte als der Film eingehen, der das klassisch-europäische Erzählkino ins 21. Jahrhundert gerettet hat.
4,5 von 5 Sternen
| © Dnews.de/Thomas Jänike |
Das weiße Band
Regisseur: Michael Haneke
Darsteller: Christian Friedel, Leonie Benesch, Ulrich Tukur
X Verleih
Filmstart: 15. Oktober 2009
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