Der Zwang zu bloggen
| Veröffentlicht: | 28 August 2009 23:27 |
| Verändert : | 29 August 2009 09:52 |
Wenn Steinmeier bloggen muss, sollte er es bleiben lassen.
Eigentlich müsste doch er es sein, der die Blog-Ranglisten anführt: Schließlich kennt ihn - ganz im Gegensatz zu den Spitzenreitern der Blogcharts - fast jeder in Deutschland. Bei Politiker-Rankings landet er nur knapp hinter seiner Kanzlerin - und Konkurrentin - Merkel. Aber dass Frank-Walter Steinmeier ein Blog betreibt, weiß kaum jemand.
Das "FWS-Blog“ getaufte Gerät ist Teil der SPD-Website Wahlkampf09.de und seit knapp einem Monat online. Steinmeier oder die Mitarbeiter, die in seinem Namen handeln sorgen seitdem fleißig für neue Posts. Mindestens jeden zweiten Tag kommt ein neuer Beitrag hinzu. Allerdings ist zu befürchten, dass es außer den direkt Beteiligten (und vielleicht einigen aufrechten sozialdemokratischen Frührentnern mit zuviel Zeit) kaum jemanden gibt, der mehr als zwei oder drei dieser Posts gelesen hat.
Leider nur ein Online-Tagebuch
FWS-Blog ist ein Online-Tagebuch im schrecklichen, buchstäblichen Sinne des Wortes. Brav zählt der Kanzlerkandidat Eintrag für Eintrag auf, wo er Betriebe besichtigt, AWO-Feste besucht und aufrechten sozialdemokratischen Frührentern mit besonders viel Glück die Hände geschüttelt oder eine Bratwurst überreicht hat. Heute Dortmund, morgen Rheinpfalz mit Nahles und natürlich Sachsen mit dem Prinzen Krumbiegel. Mal lobt Steinmeier die Kollegen Direktkandidaten, dann lobt er das gemeinsame Programm.
Aber etwas spürt man gar nicht: Feuer. Wahlkampfattacken, die es offline ja durchaus gegeben hat, führt Steinmeier im Blog nicht auf. Als Gelegenheit zum kurzen Kontern von Kritik nutzt er es nicht. Kein Wunder, dass die vermutlich wenigen Leser nicht das Bedürfnis verspüren, mit ihrem Kandidaten ins Gespräch zu kommen. Drei, vier User-Kommentare für jeden von Frank-Walters Berichten vom Wahlkampf als Schulausflug - das ist verdammt wenig für einen, der am 27.09. von 20 Millionen Deutschen gewählt werden möchte. Dabei antwortet der Blog-Steinmeier in neuen Posts auf Kommentare zu früheren (immerhin!). Hier und da lässt er auch zaghaft Persönliches durchblitzen. Wir erfahren, das FWS Brigitte Zypries schon seit Ewigkeiten kennt und woher, außerdem, dass er nicht nur bloggt, sondern auch ein "I-Phone“ hat.
Nur bloggen, wenn man bloggen will
Leider spüren wir nicht, dass Steinmeier uns wirklich etwas sagen will. Alles macht den Eindruck eines vom Wahlkampfmanager verordneten Online-Tagebuchs. Das kann nur in die Hose gehen. Natürlich ist es für einen Bundesminister und Spitzenkandidaten mit überfülltem Terminkalender verständlicherweise schwierig, Zeit zu finden, sich höchstselbst eine Online-Credibility zu erbloggen. Nicht umsonst setzt die Kanzlerin primär auf einen Videopodcast: ein Web-2.0-Aushängeschild, bei dem sie sich kontrolliert staatstragend zeigen kann und keine Anschlusskommunikation bedienen muss.
Aber anstatt so wie jetzt weiterzumachen, könnte sich Steinmeier doch lieber von einem Haufen begeisterter Juso-Reporter begleiten lassen und diese über sich bloggen lassen. Oder es wie der schleswig-holsteinische SPD-Chef Stegner machen. Der hat auch ein "i-Phone“ und twittert ohne Rücksicht auf Verluste. Twittern trainiert die 10-Sekunden-O-Töne, mit denen man im alten Massenmedium Fernsehen seine Botschaft herüberbringen kann. Auch wenn man sich natürlich leicht vergallopieren kann. Aber das wär doch was, was diese lahme Wahl unvergesslich machen könnte: "Scheiße, der Drops ist gelutscht. Und jetzt?“ (twitter.com/fws am 27.09.2009 um 17.15 Uhr). Aber der Twitter-Steinmeier ist leider ein Fake.
| © Dnews.de/Fiete Stegers |
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